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KOFLERIANA


In der Rubrik KOFLERIANA werden in jeder Ausgabe unserer Mitteilungen interessante, nur schwer zugängliche oder besonders aktuelle Texte von oder über Kofler nachgedruckt.

 
   
 

Spuren von Leo Koflers Tätigkeit in Halle gibt es einige. Ein interessantes Kapitel ist z.B., welche Spuren er in der Presseöffentlichkeit hinterlassen hat. Von einer Präsenz in der überregionalen Presse ist bisher nichts bekannt. Sie erfolgt erst, als er ins Fadenkreuz der Parteiwächter gerät (vgl. v.a. die entsprechenden, bekannten Angriffe auf ihn in der SED-Theoriezeitschrift "Einheit"). Doch auf lokaler Ebene ist dies anders. Vor allem die Hallenser Lokalausgabe der SED-Tageszeitung "Freiheit" geht vergleichsweise rege auf Koflers Arbeit ein. Hier wird am 3. März 1948 bekanntgemacht, daß Leo Kofler zum Professor mit vollem Lehrauftrag ernannt wurde und den neugeschaffenen Lehrstuhl für Geschichtsphilosophie besetzt hat. Am 3. Mai 1948 berichtet die Zeitung von einem wissenschaftlichen Streitgespräch, das kein Streitgespräch war. Am 3. Dezember erscheint ein Bericht über einen Vortrag vor dem Kulturbund, in dem er über Rousseau, Schiller und Marx referiert. Am 14.Dezember folgt ein Auszug aus dem kurz zuvor veröffentlichten Werk "Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft", in dem es um Fragen des praktischen Humanismus geht. Und im Januar 1949 wird schließlich kurz auf einen Radiovortrag, den Kofler zum Todestag Rosa Luxemburgs hielt, eingegangen. Wir dokumentieren im folgenden, passend zu unserer Arbeitstagung, die wir in diesem Heft dokumentiert haben, zwei dieser Zeitungsberichte. Da die Vorlagen nur schwer leserlich sind, haben wir die Texte abgetippt.

 

Wissenschaftliches Streitgespräch über den Historischen Materialismus.

Eine Disputation Prof.Koflers contra Prof.Menzer an der Universität Halle.

Vor kurzem erschien im Max-Niemeyer-Verlag, Halle, als umgearbeitete vierte Auflage die im Jahre 1913 erschienene "Einleitung in die Philosophie" von Paul Menzer, Professor der Philosophie an der Universität Halle. In dieser Schrift wird die materialistische Geschichtsauffassung von Marx und Engels unrichtig dargestellt und mit den vulgär-materialistischen Auffassungen vor Karl Marx so sehr in einen Topf geworfen, daß der Leser vom Historischen Materialismus eine falsche Vorstellung erhalten muß.

Die SED-Betriebsgruppe der Universität Halle hatte zu einer öffentlichen Disputation über diese Schrift Prof.Menzers eingeladen. Für das wissenschaftliche Streitgespräch stellte sich der Dozent des Lehrstuhls für Geschichtsphilosophie, Prof.Kofler, zur Verfügung. Leider war Prof. Menzer nicht erschienen, so daß Prof. Kofler vor zahlreich versammelter Studentenschaft die Disputation an Hand der vorliegenden Schrift bestritt. Er entwarf zunächst ein außerordentlich gehaltvolles Bild von den wissenschaftlichen Problemen des Historischen Materialismus. Insbesondere der Teil des Vortrages, in welchem die dialektische (und nicht nur stur mechanische) Auffassung des Verhältnisses von Oekonomie und Ideen dargelegt wurde, war geeignet, das Interesse jedes um die wissenschaftliche Wahrheit bemühten Geistesarbeiter zu fesseln. Im zweiten Teil seines Vortrages ging Prof. Kofler auf die wichtigsten unrichtigen Darlegungen in der Menzerschen Schrift ein und betonte, daß es solche unrichtigen Auffassungen zwar schon früher insbesondere unter den Universitätsprofessoren gegeben habe, Mißverständnisse, die wir Marxisten bis zu einem gewissen Grade aus der damaligen Zeit heraus verstehen können, daß es aber ein Unterschied sei, ob solche Mißverständnisse noch in einer 1948 erschienenen Schrift wiederholt werden.

Der geistige Gewinn dieser ersten Disputation war unverkennbar. Es wird interessant sein, zu sehen, inwieweit die Universitätsverwaltung die Wiederaufnahme dieses alten Brauches auf akademischem Boden fördern wird.

-tt-

aus: "Freiheit" (Ausgabe Halle/Saale), 3.5.1948

 

Rousseau, Schiller und Marx

Ein Vortrag von Prof.Kofler im Kulturbund.

In der Arbeitsgemeinschaft "Geisteswissen" des Kulturbundes hat Prof. Kofler in einem Vortrag eine bisher kaum beachtete Seite der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft aufgezeigt. Diese Kritik, die bereits bei Rousseau und Schiller unbewußt und in Ansätzen vorhanden war, führte bei Marx zur bewußt gestalteten Überwindung des Kapitalismus. Mit der weitgehenden Arbeitsteilung, wie sie mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte im 18.Jahrhundert entstand, verlor der einzelne Mensch nicht nur die Übersicht über die Gesamtproduktion, sondern sie führte auch zu einem Verlust der Totalität im menschlichen Bewußtsein. So ging mit dem Kapitalismus der Begriff des harmonischen Menschen verloren. Das führte dazu, daß Schiller sich zur Antike zurückgewandt und Rousseau statt der Vernunft nur die Empfindungen anerkannt hat. Beiden ging es um den ganzen Menschen, um die Harmonie seines Wesens und damit um die Aufhebung der Widersprüche, die die kapitalistische Arbeitsteilung geschaffen hatte. Nur wenige geniale Menschen des 18.Jahrhunderts sahen, daß die Befreiung des Menschen von den Fesseln des Mittelalters nicht seine Befreiung schlechthin sei, sondern nur neue und feste Fesseln schaffen würde. Rousseau und Schiller waren solche Menschen, und sie sind deshalb mit ihrer direkten Kritik der Arbeitsteilung in einer Reihe mit Marx und Engels zu nennen. Die Erkenntnis des antihumanitären Charakters der kapitalistischen Arbeitsteilung ist so allen drei gemeinsam, nur erfaßte Marx als erster das Problem in seiner Allseitigkeit. Auf der Grundlage der sprunghaften Entwicklung des Kapitalismus im vorigen Jahrhundert konnte Marx klar den Widerspruch zwischen der äußeren und der wirklichen Freiheit erkennen und auch die Wege zur Lösung dieses Widerspruches aufzeigen. Er war es, der schon vor 100 Jahren erkannte, daß nur die Überführung der Produktionsmittel in das Eigentum der Gesellschaft es möglich mache, an die Überwindung dieses menschlichen Gegensatzes, der sich uns heute vor allem darstellt im Gegensatz zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, heranzugehen. In der Sowjetunion und den volksdemokratischen Ländern ist dieses Problem heute von besonderer Aktualität und die weitgehende geistige Anteilnahme an der körperlichen Arbeit, z.B. bei der Stachanowbewegung, ist bereits ein entscheidender Schritt in dieser Richtung. Die vollkommene Überwindung dieses Gegensatzes wird jedoch erst in der vollendeten sozialistischen Gesellschaft möglich sein. Es wäre dies die Verwirklichung der großen humanistischen Ideale, um die die größten Denker der Menschheit gerungen haben.

Sch.

aus: "Freiheit" (Ausgabe Halle/Saale), 3.12.1948

 
 

 

 
 

Kurt Seliger 1921-1999

Nachruf von Christoph Jünke

 
     
 

Das erste Bild zeigt Kurt Seliger, wie ihn Leo Kofler in der Schweizer Emigration kennenlernte. Seliger wurde 1921 in Wien geboren und flüchtete Ende 1938 aus dem angeschlossenen Österreich in die neutrale Schweiz. Er lernte den fast 15 Jahre älteren Kofler kennen und schätzen, diskutierte viel mit ihm und machte ihn einige Jahre später sogar zu seinem Trauzeugen. Zur selben Zeit wurde er ein kommunistischer Organisator und "prominentes" Opfer eines Schweizer politischen Prozesses. Nachdem er 1945 zurück nach Österreich ging, verloren sich die beiden aus den Augen und dem Sinn. Während Kofler zuerst in die sowjetisch besetzte Zone nach Halle und dann, Ende 1950 nach Westdeutschland ging, arbeitete Seliger von 1945 bis 1957 als Redakteur der KP-Zeitung Volksstimme, war danach Reiseschriftsteller und Wochenschaukameramann, 1966 bis 1969 Korrespondent in der DDR. Nach seinem Austritt aus der KPÖ arbeitete er als freier Publizist für Rundfunkanstalten und Zeitschriften. Kofler sah er erst 1987 wieder, auf einem Kongreß über "Vertriebene Vernunft" in Österreich.

Das zweite Bild zeigt Kurt Seliger, wie ich ihn kennengelernt habe. Eher zufällig war ich über ihn und seine Verbindung zu Kofler gestolpert, erfuhr, daß er ein Buch über die Schweizer Zeit geschrieben und darin auch über Kofler berichtet hat. Ende 1998 besuchte und interviewte ich ihn in Wien. Nicht nur, daß er mir Auskunft über die damalige Zeit gab, er vermittelte mir auch weitere Kontakte und überreichte mir einige kostbare Fotos, die er von Kofler in der Schweizer Zeit geschossen hatte. Wenige Monate später, am 17.Mai 1999 ist Kurt Seliger unerwartet im 78.Lebensjahr in Wien verstorben. Ich behalte ihn als einen offenen, engagierten und ausgesprochen hilfsbereiten Menschen in Erinnerung.

Im folgenden veröffentlichen wir eine längere Passage aus seinem Erinnerungsbuch Basel - Badischer Bahnhof. In der Schweizer Emigration 1938-1945, das 1987 beim Österreichischen Bundesverlag in Wien erschienen ist. Er schildert hier seine Begegnungen mit Kofler (S.45ff.).

*****

Die anregendsten Debatten aber führte ich mit Leo Kofler. Der aus Polen stammende Marxist Kofler war in Wien Schüler Max Adlers gewesen und hatte sich, wie schon erwähnt, als Referent der Sozialdemokratischen Bildungszentrale einen Namen gemacht. Er war ein kritischer Anhänger der Sowjetunion, der KPÖ gegenüber hatte er jedoch große Vorbehalte. In ihrer Führung gebe es kaum einen theoretischen Kopf, nur mehr oder weniger unbedeutende Praktiker, meinte er.

Koflers Frau war nach England emigriert, und als Alleinstehender mußte er im Sommercasino schlafen. Der hochgewachsene, soweit noch zu erkennen war, rothaarige Mann fiel mir bald auf, weil er stets wortreich und überlegen mit anderen Emigranten diskutierte. Was mich sofort beeindruckte, war die Art, wie er zu bestimmten Fragen Stellung nahm: Ihm schien jedes schablonenhafte Denken fremd. Zudem zeichneten sich seine Darlegungen durch große Sachkenntnis aus. Ich hatte das Gefühl, daß er weit tiefer in die Probleme eindrang, als ich das bisher erlebt hatte, und daß er bemüht war, alle Fragen in ihrem Zusammenhang und in ihrem Widerspruch zu erfassen.

Es konnte indessen nicht ausbleiben, daß ich in manchen Gesprächen mit Kofler politisch in Streit geriet. So, als ich die Moskauer Schauprozesse verteidigte. Ich tat dies, obwohl mir bereits der erste Prozeß gegen Sinowjew und Kamenew Kopfzerbrechen bereitet hatte. Dieser Prozeß hatte im August 1936 stattgefunden. Ich war damals fünfzehn Jahre alt und hatte mir in den Schulferien John Reeds bekannte Reportage über den russischen Oktoberumsturz Zehn Tage, die die Welt erschütterten vorgenommen. Daß dieses Buch damals in der UdSSR bereits verboten war, wußte ich allerdings nicht. Ich las es mit großer Aufmerksamkeit und wunderte mich bloß, daß so wenig von Stalin die Rede war. Um so mehr freilich von Lenin, Trotzki, Sinowjew und Kamenew Als mein Vater eines Abends nach Hause kam, war ich, als ich die Überschrift in der Zeitung las, die er mitgebracht hatte, wie vor den Kopf geschlagen. Ich las die Schlagzeile: "Sinowjew und Kamenew in Moskau zum Tode verurteilt". Ich war völlig verwirrt. Eben hatte ich doch bei John Reed von den beiden gelesen, daß sie die engsten Mitarbeiter Lenins gewesen waren, und nun sollten sie Verräter sein? Ein älterer Genosse klärte mich bald auf: Sinowjew und Kamenew wären gegen die Machtergreifung im Jahre 1917 gewesen; sie seien zu Verrätern geworden und hätten mit dem Klassenfeind konspiriert, um die Sowjetmacht zu stürzen. Diese Erklärung nahm ich kritiklos hin. Mich näher über diesen Prozeß und seine Vorgeschichte zu informieren, dazu hatte ich keine Gelegenheit.

Nur mit der Überzeugung bewaffnet, die Sowjetunion würde schon nichts Unrechtes getan haben, stand ich nun Kofler gegenüber. Doch der ließ das nicht gelten. Seine Wertschätzung galt vor allem dem im März 1938 hingerichteten Nikolai Bucharin: "Bucharin ein Verräter? Daß ich nicht lache! Weißt du überhaupt, wer Bucharin war? Er war einer der bedeutendsten marxistischen Theoretiker! Du mußt einmal seine Ökonomische Theorie des Rentners lesen, diese ausgezeichnete Widerlegung der Anschauungen von Böhm-Bawerk. Ich bin kein Feind der Sowjetunion, aber ich sage dir, Bucharin und alle anderen Hingerichteten waren nicht Verräter, sie sind bloß in den innerparteilichen Auseinandersetzungen unterlegen und so Stalins Opfer geworden. Auch Trotzki war niemals ein Verräter. Er hat gewiß in manchen Fragen geirrt, aber ein Verräter war er nie!"

Nach solchen Ausführungen Koflers wurde mir das Ausmaß meiner Unwissenheit erst so richtig klar. Ich beschloß, mich über all diese Fragen eingehend zu informieren, was ja in der Schweiz ohne weiteres möglich war. Allerdings nahm ich mir nur Werke vor, die die offizielle sowjetische Version darlegten. Ich las alle Prozeßberichte, Schriften von Lenin und Stalin und stieß auch auf Max Seydewitz' dickleibiges Buch Stalin oder Trotzki?, das mich in meiner Meinung schon allein deswegen bestärkte, weil der Autor Sozialdemokrat war. Freilich, auch er gab nur den Standpunkt der KPdSU wieder. (Max Seydewitz trat 1945 offiziell der KPD, dann der SED bei und wurde in der DDR mit hohen Funktionen betraut. Er ist am 8.Februar 1987 in Dresden im Alter von 94 Jahren gestorben.)

Meine aus dieser Lektüre gewonnenen Kenntnisse beeindruckten Kofler indessen nicht. Geduldig, aber auch mit viel Spott und Sarkasmus, setzte er sich mit mir auseinander, und obwohl ich um vieles jünger war als er, nahm er mich ernst und regte mich immer wieder an, mich nicht nur mit aktuellen politischen Fragen, sondern auch mit der Theorie des Marxismus zu beschäftigen. So begann ich die Freizeit, die mir die auferlegte Beschäftigungslosigkeit bot, zum Studium marxistischer Literatur, der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung und mancher Dokumente der kommunistischen Bewegung zu nutzen. Immer wieder beriet Kofler mich, diskutierte mit mir über dieses oder jenes Buch und weckte in mir nicht zuletzt auch das Bedürfnis, nichts als gegeben hinzunehmen, an allem zu zweifeln, so wie es Karl Marx einst entsprechend seinem Lieblingsmotto postuliert hatte. (Es sollte allerdings noch recht lange dauern, ehe ich mir dieses Motto tatsächlich zu eigen machte.)

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