Am Beispiel Leo Koflers. Marxismus und soziale Bewegung im 20.Jahrhundert. Ein Tagungsbericht |
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Dass in der heutigen veröffentlichten Meinung die Stalins, Pol Pots und Erich Mielkes erfolgreich zum verzerrten, alles verschlingenden Schwarzbild des Kommunismus verdichtet werden können, welches wie ein schwarzes Loch auch die Erinnerung an jene verschlingt, die wie Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci und Bert Brecht andere Wege gingen, das nährt die Melancholie im Rückblick auf den Marxismus des 20.Jahrhunderts. So jedenfalls Wolfgang Fritz Haug (Berlin) in seinem Eröffnungsvortrag der von der Leo-Kofler-Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit u.a. mit der Hans-Böckler-Stiftung organisierten dreitägigen wissenschaftlichen Konferenz, die vom 29.April bis zum 1.Mai 2000 an der Ruhr-Universität Bochum stattfand. Der Zusammenbruch der sozialistischen Linken werfe die Marxisten auf sich selbst zurück, mache den zeitgenössischen Marxismus zu einer "traurigen Wissenschaft" und die Aufarbeitung von derem Erbe so außerordentlich schwierig. Doch es helfe nichts, man müsse in die Geschichte zurückgehen, um deren Enttäuschungen aufzuarbeiten. "Nichts ist kostbarer als begriffene Irrtümer, nichts wäre tödlicher als blinder Wiederholungszwang", führte Haug aus und betonte, dass eine solche historisch-kritische Sichtung des Erbes nur kollektiv, nur mit einer neuen Kultur der Kritik möglich sein dürfte: "Finden wir zu einem Diskurs, der es uns erlaubt, die Verhältnisse und unser Eingelassensein in dieselben mitsamt unserer Geschichte gleichsam in einem einzigen theoretischen Atem durchzusprechen, ohne das Dissonannte zu verdrängen, sondern im Gegenteil, es aus einer Schwäche zu einer Kraftquelle zu machen?" Auch Dietmar Petzina (Bochum), der als Rektor der Ruhr-Universität Bochum die Schirmherrschaft des Kongresses übernommen hatte, drückte in seinem Grußwort die Hoffnung aus, dass der Kongress zum Versuch einer Gesamtbilanz werden könnte und betonte, dass Leo Koflers Werke alles andere als überholt, vielmehr aktueller denn je seien. Gleichermaßen interessante wie ehrgeizige Versuche einer selbstkritischen Sichtung und Neuformulierung zentraler marxistischer Begriffsinstrumente gab es einige auf der Konferenz. Rüdiger Dannemann (Essen) näherte sich der Größe und den Grenzen des in diesem Jahrhundert v.a. von Georg Lukács aktualisierten Verdinglichungsbegriffs, Alex Demirovic (Frankfurt/M.) untersuchte die Wandlungen des Totalitätsbegriffs im Marxismus des 20.Jahrhunderts und Sebastian Herkommer (Berlin) ging auf die "Ideologie der Ent-Ideologisierung" ein, bemühte sich um eine modifizierende Aktualisierung des noch immer verworrenen und umstrittenen Ideologiebegriffs. Hans Heinz Holz (S.Abbondio, Schweiz) steuerte (schriftlich) einen Beitrag zur "Wertform des Kunstwerks" bei und Horst Müller (Nürnberg) versuchte in Anknüpfung an Ernst Bloch und Leo Kofler das über dieselben hinausgehende Projekt einer utopisch-kritischen Wissenschaft gesellschaftlicher Praxis darzustellen. Eine Gesamtbilanz des Marxismus konnten diese sie vorbereitenden Beiträge jedoch schwerlich leisten. Näherten sie sich quasi von der Seite dem Werk Leo Koflers, wählten andere die direkte Auseinandersetzung mit demselben und verdeutlichten Koflers Aktualität. Den meisten ist Kofler vor allem als Verfasser des gleichermaßen unorthodoxen wie ehrgeizigen "Versuchs einer verstehenden Deutung der Neuzeit nach dem Historischen Materialismus" bekannt, der erstmals 1948 in Halle/Saale unter dem Titel "Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft" erschien und seitdem mehrere Auflagen, zuletzt 1992, erlebte. Das Buch stehe auch heute noch "wie ein Solitär in der historiographischen Landschaft", so Ulrich Brieler (Bochum/Leipzig). Von der wissenschaftlichen Diskussion lange Jahre vollkommen ignoriert, habe sich daran auch nach dem Siegeszug der Historischen Sozialwissenschaft eher wenig geändert, obwohl Kofler, so Brieler, selbstredend einer ihrer Vorläufer gewesen sei. Schließlich schrieb er Struktur- und Sozialgeschichte, noch bevor diese Begriffe überhaupt bekannt oder gebraucht wurden. Seiner Zeit offensichtlich voraus, war er zu jenem Zeitpunkt vergessen, als sein theoretisches Programm in neuem Gewande zum Kampfprogramm der jungen Avantgarde wurde. Die bemerkenswerte Ignoranz, mit der das Buch bspw. im umfangreichen Schaffen eines Hans-Ulrich Wehler mit keinem Wort gewürdigt oder kritisiert werde, hat in den Augen Brielers auch etwas mit Koflers hegelianisiertem Stil zu tun, damit, dass bei ihm die Geschichte immer wieder subjektiviert werde. Mehr noch dürfte allerdings eine Rolle spielen, dass da, wo sich die Historische Sozialwissenschaft grundsätzlich affirmativ verhalte, bei den Grundlagen bürgerlicher Demokratie, Kofler einen fundamental kritischen Weg gehe. Koflers Ausgangspunkt bleibt der vom klassischen Marxismus heraus gearbeitete immanente Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft, dass sie erstmals in der Geschichte den Anspruch formuliert und vertritt, zu einer Gesellschaft der Freien und Gleichen sich zu entwickeln, sie auf der anderen Seite praktisch immer mehr zu einer zunehmend irrationalen Herrschaft des toten Kapitals über das lebende wird. Wo also die Historische Sozialwissenschaft Modernisierungsprozesse affirmiere, zeige Kofler die grundsätzliche Gebrochenheit derselben auf. Im latenten Gegensatz zu seinem Hegelschen Fortschrittsglauben zeige Kofler die geschichtlichen Brüche und Rückschritte, ihren politischen Stillstand und deren Folgen auf und schreibe so, gegen seinen Willen, eine Geschichte der Niederlagen, "eine Historiographie der Unmöglichkeit, die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zu schreiben", weil es die bürgerliche Gesellschaft nie gegeben habe. So komme Kofler dazu, keine Geschichte der Produktivkräfte zu schreiben, auch keine Geschichte der Entwicklung moderner Staatlichkeit oder der Entstehung industrieller Sozialstrukturen, obwohl all diese Elemente auch bei ihm an durchaus zentraler Stelle auftauchen. Kofler gehe es vielmehr um jenen schon von Max Weber thematisierten bürgerlichen Geist, der bei ihm "in besonderer Legierung" (Brieler) erscheine, nämlich im Zielen auf politische Mündigkeit und individuelle Autonomie. Koflers geschichtliches Subjekt ist der Citoyen, der Kritiker, der Nein-Sager und seine Geschichtsschreibung ist eine "Genealogie des kritischen Geistes" (Brieler), die so unterschiedliche geschichtliche Figuren wie die Nominalisten, die Leveller, die Naturphilosophen und den jungen Marx im Akte der Rebellion, in ihrer kritischen Haltung vereine. Eine solche Geschichtsschreibung weist der Ideologie der geschichtlichen Subjekte eine besondere Rolle zu und geht von einer relativen Autonomie derselben aus. An diesem Brielerschen Befund knüpfte auch Michael Krätke (Amsterdam) bruchlos an, als er herausarbeitete, dass in Koflers Geschichtsschreibung von einer neuen geschichtlichen Struktur, wie die der bürgerlichen Gesellschaft, erst dann zu sprechen sei, wenn auch der ihr entsprechende Geist vorhanden sei. Mitentscheidend sei eben auch der Habitus der Subjekte. Es war in Krätkes Sicht dieses Koflersche Verständnis, welches es ihm erlaubte, zu einem bis heute bemerkenswerten und kaum aufgenommenen Verständnis besonders jener geschichtlichen Zwischentypen beizutragen, deren geschichtliche Einordnung so umstritten ist. Es sei deswegen "eine bemerkenswerte Leistung" Koflers, bspw. aufzuzeigen, dass der materiell verbürgerlichte Adel trotzdem auch weiterhin als Adel anzusehen ist. Auch der mit der aufsteigenden Manufakturbourgeoisie eng verknüpfte Calvinismus gewinne von hier aus erst seine ganze historische Tragweite, da er sie zum ersten Träger eines wirklich revolutionären bürgerlichen Geistes gemacht habe. In den Manufakturen brachen sich erstmals die die alte feudale Gesellschaft radikal umwälzenden neuen Produktionsformen Bahn und die Manufakturbourgeois wollten erstmals mehr als sich nur in den Nischen der alten Gesellschaft mehr oder weniger bequem einrichten. Diese "Pionierleistung" Koflers erschließt sich für Krätke gerade mit Blick auf die großen internationalen Geschichtsdebatten der letzten Jahrzehnte wie die der "transitiondebate" (Dopp, Sweezy, Hilton u.a.) und die der um Robert Brenners Thesen geführte "Brennerdebate". Während in der ersten v.a. um die Rolle des Welthandels bei der Auflösung des Feudalismus gestritten wurde, diskutierte man in der zweiten hitzig die Rolle des Agrarkapitalismus. Was in diesen Diskussionen weitgehend außen vor bleibe, sei gerade das, was bei Kofler im Zentrum steht: die Rolle der geistigen Umwälzungen und ihr materielles Substrat. Dass diese Betonung der Rolle des Bewusstseins nicht zufällig, sondern Anwendung von Koflers marxistischer Methodologie ist, machte Günter Brakelmann (Bochum) in seinem ebenfalls zur Eröffnung gehaltenen Beitrag zum Thema Anthropologie und Humanismus deutlich. "Kofler hat im Gegensatz zu den meisten Denkern seiner Zeit (...) im Bewusstsein des Menschen die Voraussetzung gesehen, die von ihm selbst gemachte Entfremdungs- und Unterdrückungsgeschichte in eine vom selben Menschen zu gestaltende Befreiungsgeschichte zu transformieren. Seine anthropologische Perspektive erlaubt ihm, in den historischen Prozessen die humanistische Perspektive auszumachen." Brakelmann stellte Koflers wohl originellsten Ansatz dar, seine als Wissenschaft von den unveränderlichen Voraussetzungen menschlicher Veränderung verstandene Anthropologie. Die alle Gesellschaftlichkeit zuallererst erzeugende menschliche Arbeit definiere sich für Kofler durch ihr nichttierisches Mittel, das Bewusstsein. Denken sei ihm nicht nur teilnehmend, sondern unmittelbar praktisch, Geschichte erst ermöglichend, in dem es sich Ziele zu setzen vermag. Kofler konzipiere seine Anthropologie also nicht als außergeschichtlich-zeitlose, trotzdem ist sie ihm eine wesentlich formale. Die schwierige Dialektik von formaler Anthropologie und realgeschichtlicher Entwicklung mache für ihn das Wesen des Menschen und die Hoffnung für Sozialisten aus. Hartmut Krauss (Osnabrück) und Werner Seppmann (Haltern) führten diese Gedankengänge auf je eigene Weise weiter aus und sahen sie als einen wesentlichen Beitrag zu einem zeitgenössischen subjektwissenschaftlich fundierten Marxismus. In Koflers Analyse, wie repressive Moral verinnerlicht und zu einem repressiven Menschenbild verdichtet wird, sieht Krauss eine originelle inhaltliche Füllung dessen, was Antonio Gramsci einst als geistige Hegemonie bürgerlicher Herrschaft thematisierte. Und Seppmann betonte die Bedeutung dieses repressiven Menschenbildes gerade in Zeiten wie den unseren, in denen sich soziale Widersprüche zuspitzen und herrschende Schichten auf zunehmenden Konfrontationskurs zu den Beherrschten gehen, ohne dass diese ernsthaft begännen, sich zu wehren. Gingen Krauss und Seppmann sozialphilosophisch vor, näherte sich Helmut Steiner (Berlin) der Analyse spätbürgerlicher Gesellschaft soziologisch. Er lobte Koflers Verdienst, als einer der ersten marxistischen Sozialwissenschaftler die Problematik gesellschaftlicher Eliten im Funktionsmechanismus kapitalistisch organisierter Gesellschaften explizit aufgegriffen zu haben. Dessen 1960 erschienenes Buch "Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus" (1986ff. neu aufgelegt unter dem Titel "Vergeistigung der Herrschaft") sei "ein außerordentlich reiches, gar pralles Buch" und widme sich in bemerkenswerter Frische der damals weitgehend tabuisierten Analyse jener auch heute noch gern im Dunkel bleibenden bürgerlichen Elite. Christoph Jünke (Bochum) beleuchtete die andere Seite dieser Koflerschen Soziologie, als er dessen im selben Werk entwickelte Vorstellung einer "progressiven Elite" einer historisierenden Würdigung unterzog. Da Sozialdemokratie und Stalinismus als Emanzipationsbewegungen historisch versagt hätten, falle der Fortschritt jenen heterogenen Individuen zu, die sich quer zu den etablierten politischen Strömungen und in grundsätzlicher Opposition gegen den herrschenden Anthihumanismus und Nihilismus befänden und die in den Worten Koflers "eine amorphe Masse mit stark flukturierendem Charakter" bilden. Damit habe Kofler, so Jünke, als einer der nicht nur in Deutschland Ersten bereits Ende der 50er Jahre jene "Neue Linke" antizipiert, die in den 60er und 70er Jahren die historisch neue Form dessen war, was im 20.Jahrhundert der sogenannte "Dritte Weg" gewesen ist. Obwohl Kofler sich als Teil dieser im weitesten Sinne Neuen Linken verstand, habe er auch bereits ihre immanenten Widersprüche herausgearbeitet - ihre soziale, politische und kulturelle Labilität, die sie allzu leicht zu kontemplativen, pessimistisch-zynischen Opfern herrschender Entfremdung werden lasse -, an denen sie später, in den 70er Jahren zerbrechen sollte. Wilfried Korngiebel (Bochum) sah diesen Niedergang der Neuen Linken in seinem Beitrag über Kofler, Marcuse, Bloch und die Ästhetik als politischen Hintergrund jener Kontroverse um eine "richtige" marxistische Ästhetik, die Kofler Ende der 70er Jahre mit Herbert Marcuse ausfocht und die, wie er aufzeigte, ein spätes Nachhutgefecht der großen Expressionismusdebatte aus den 30ern darstelle. Leo Koflers berüchtigter Streit mit den "Marxo-Nihilisten" der Frankfurter Schule, v.a. mit Adorno und Habermas, erschließe sich, so Jünke, vor diesem Hintergrund als ein Kampf unterschiedlicher politisch-theoretischer Konzeptionen um die intellektuelle Hegemonie der Neuen Linken. Doch obwohl sein ehrgeiziger Versuch, eine zu den "Frankfurtern" alternative Sozialphilosophie zu formulieren, den Mittelpunkt von Koflers theoretischem Schaffen seit den 60er Jahren bilde, gleichsam den "historischen Ort Koflers als eines politischen Denkers" markiere, sei der damit verbundene Theoriestreit bisher kaum aufgearbeitet worden. Kein Zufall also, dass sich gerade diese Auseinandersetzung wie ein roter Faden durch den Kongress zog. Neben Jünke gingen auch Demirovic, Müller und Seppmann ausführlicher darauf ein und zum Kongressabschluss gab es noch eine Podiumsdiskussion, auf dem neben Demirovic und Seppmann auch Steiner und Joachim Bischoff (Hamburg) am Beispiel der Frankfurter Schule und ihrer linken Kritiker über nonkonformistische Intellektuelle gestern und heute sprachen. Kein Zufall auch, dass es entlang dieser Linie nicht nur zu Missverständnissen, sondern auch zu einem handfestem Eklat kam. Verantwortlich hierfür Reinhard Pitsch (Wien/Berlin), der gegen "Frankfurter" und "Budapester" Schule (G.Markus, A.Heller u.a.) eine "Lukács-Schule" um Lukács, Kofler und Wolfgang Harich konstruierte und seinen Vortrag mit deutschnationalen und antisemitischen Ausfällen garnierte. Stefan Dornuf (Hagen) erntete ebenfalls heftige Widerworte, als er den von Jünke zuvor dargestellten Koflerschen Antistalinismus als überholtes Relikt eines mit dem originären Marxismus nicht zu vereinbarenden "Marktsozialismus" angriff. Er stützte sich dabei auf Positionsveränderungen, die Kofler in den 80er Jahren vornahm und die Jünke zuvor als "halbstalinistischen" Bruch im Koflerschen Spätwerk bezeichnet hatte. Implizite Kritik erntete Dornuf auch von Reinhart Kößler (Bochum), der Koflers späte Schriften zu Gorbatschow und dem "asiatischen Despotismus" als sachlich falsch und politisch problematisch kritisierte, da sie dazu führten, den despotischen Kern der auch vom "real existierenden Sozialismus" geteilten Moderne (v.a. die Despotie des Fabrikregimes) in die Vormoderne zu externalisieren. So ließ zwar die zu Beginn des Kongresses erhoffte konstruktiv-kritische Dialogkultur in entscheidenden Momenten auf sich warten. Doch der geforderten historisch-kritischen Sichtung des Koflerschen Erbes ist man mit dem Kongress ein gehöriges Maß näher gekommen. Weitgehend uneingelöst blieb leider das Vorhaben, die Geschichte sozialer Bewegungen in die Bilanz miteinzubeziehen. So konnten bspw. aufgrund kurzfristiger Absagen geplante Beiträge zur Gewerkschaftsbewegung und zu den Grün-Alternativen nicht gehalten werden. Diese und andere inhaltliche Lücken sollen jedoch in der geplanten Buchveröffentlichung noch gefüllt werden. Christoph Jünke Zuerst veröffentlicht in: IWK. Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 36.Jahrgang, Juni 2000, Heft 2, S.230-234. |