LEO KOFLER IM URTEIL VON ZEITGENOSSEN |
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"Wir haben auch
[Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre] die Handelsakademiker organisiert.
Und aus der Gruppe der Handelsakademiker ging hervor einer der bedeutendsten
Geschichtsphilosophen der internationalen sozialistischen Bewegung, nämlich
Leo Kofler. Der zum Beispiel das Buch Zur Geschichte der Bürgerlichen
Gesellschaft geschrieben hat und das Buch, das ich Euch allen zur
Lektüre heute noch empfehle, das Buch Der proletarische Bürger.
Es behandelt die Verwahrlosung der Ideologie in der Arbeiterbewegung als
Zentralpunkt seiner Überlegungen und Betrachtungen, und ist, ich sage
es noch einmal, als Lektüre insbesondere für junge Funktionäre der Gewerkschaft
und der politischen Bewegung sehr zu empfehlen." "Was ich bei meinen
hochverehrten orthodoxen Genossen als komisch empfinde, ist der Legitimationsdruck,
unter den sie sich freiwillig und ohne Grund stellen. Ganz gleich, was
sie sagen, alles muss mit Marx übereinstimmen. Leo Kofler zum Beispiel,
ein Mensch, den ich sehr schätze, ebenso wie seine interessante Analyse,
eine Kombination von Soziologie, Kritik der politischen Ökonomie und Psychoanalyse.
Er könnte doch einfach seine Thesen darstellen, sagen, dass nach seiner
Auffassung die Sache so und so ist. Aber er steht unter dem Legitimationsdruck
und muss daher beteuern: Seine Aussage stünde in völliger Übereinstimmung
mit Marx. Als ob das der Nachweis der Wahrheit wäre. Da denke ich anders." "Dialektisches Denken
ist mehr als Sich-Vergewissern von dem, was auch ohne es ist. Denn es
weiß sich stets als Moment dessen, was es begreift. Es kann daher gerade
für den dialektischen Materialismus keine einseitige Ableitung des Bewusstseins
aus dem ökonomischen Sein geben, dergestalt, dass dieses als schlechthinige
causa sui alles andere determinierte. Vielmehr macht es das Wesen der
menschlichen Verhältnisse aus, eben die Verhältnisse von handelnden, mit
Bewusstsein begabten und ihre Zwecke verfolgenden Menschen zu sein. Marxismus
ist somit der von einer rein kontemplativen Beziehung des Denkens zum
Sein weit entfernte Versuch einer historischen Selbsterkenntnis des produktiven
Subjekt-Objekts der Gesellschaft. Dies gilt in besonderem Maße für das
Denken Leo Koflers, das wie schon Lukács' Geschichte und Klassenbewusstsein
der Wiederbelebung einer marxistischen Dialektik gewidmet ist." "In diesem Zusammenhang
ist hier auch noch um der historischen Gerechtigkeit willen anzumerken,
dass neben der Frankfurter Schule damals (Mitte der 50er Jahre) noch Leo
Kofler eine besondere Rolle gespielt hat, der mit seinen Versuchen, an
Georg Lukács anzuknüpfen, eine damals sehr wichtige Bereicherung der Theoriediskussion
war. Das ist ihm leider nicht sehr gedankt worden. Er hat eine sehr selbstlose
Arbeit geleistet." "Leo Kofler gehörte
zu jenen geistig selbständigen ‚Schülern' von Marx, die den Missbrauch
seiner kritischen Theorie durch bürokratische Parteieliten früh erkannt
und entschieden bekämpft haben. Dennoch war er - nach der Flucht aus dem
Herrschaftsbereich der SED - nicht bereit, sich in den Dienst eines populären
Antikommunismus zu stellen. Das macht ihm das Leben und das ‚Vorwärtskommen'
in der Bundesrepublik nicht leicht. (…) Seine These von der progressiv-humanistischen
Elite sucht der Tatsache gerecht zu werden, dass es außerhalb der Parteiorganisationen
und sogar in einer gewissen Distanz zur Politik überhaupt Zeitgenossen
gibt, die für die idealen Ziele des frühen Marx empfänglich geblieben
sind und - trotz allem - nicht resignieren. Durch seinen unerschütterlichen
Optimismus hat er dieser Elite Mut vorgelebt." "Der frühere Austromarxist
Leo Kofler (geb. 1907) hat in Die Wissenschaft von der Gesellschaft (unter
dem Pseudonym Stanislaw Warynski, 1944) die marxistisch-dialektische Soziologie
neu formuliert, für sie in Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus
und Nihilismus (1960) neue Aspekte gewonnen und sie in Zur Geschichte
der bürgerlichen Gesellschaft (1.Aufl. 1948, 3.Aufl. 1966) historisch
begründet." "Dass Sie mit der
Frankfurter Richtung auf Kriegsfuss stehen, ist nur eine Ehre für Sie." "Ich muss gleich
vorwegnehmen, dass Ihre Darstellungsweise der Dialektik des historischen
Materialismus [im Buchmanuskript Geschichte und Dialektik] mir die einzig
richtige scheint, und dass Ihr Buch schon darum einen wichtigen Beitrag
zur neueren marxistischen Literatur bildet. Wo die älteren Darsteller
des historischen Materialismus (Plechanow, Bucharin, Thalheimer usw.,
um von Kautsky ganz zu schweigen) ihn immer wieder in beschreibender,
analytischer oder sogar in Kategorien zerlegter Form versuchten darzustellen,
sind Sie an diese Darstellung von der entgegen gesetzten Seite herangegangen,
und haben ihn in seiner Gesamtheit, als Gesamtmethode darzustellen versucht.
Dadurch ist das Studium Ihres Buches vielleicht etwas schwieriger für
einen Durchschnittsleser als die Lektüre der oben genannten Vulgarisierungsarbeiten,
aber es ermöglicht eine wirkliche Assimilierung der dialektischen Methode
und erfähigt dadurch die Erziehung nicht von Epigonen, Apologeten oder
'roten Professoren', sondern von selbständigen (revolutionären) Denkern,
-- und das ist das grösste Lob, das man überhaupt gegenwärtig einer Arbeit
über den historischen Materialismus widmen kann! Ich bin deshalb auch
überzeugt, dass die Veröffentlichung Ihrer Arbeit ein wirklicher Beitrag
zur Erneuerung, und zum Aufschwung, der deutschen und internationalen
Arbeiterbewegung sein kann." "Die Enttäuschung
über Leo Kofler, von dem sich das 'Fortschrittslager' so viel versprochen
hatte, erlebte ich hingegen noch mit. Ein profunder und literarisch ausgewiesener
Marxkenner, war der staatenlose Antifaschist zugleich ein sehr eigenwilliger
Marxinterpret, der als unorthodoxer Linker auf sich aufmerksam machte
und Zulauf gewann. Ihn sich als Bundesgenossen zu bewahren, vermochten
die 'Schulmarxisten' in den Endvierzigern noch nicht. Mit ihm einen tragbaren
modus vivendi zu finden misslang bei mangelnder Flexibilität auf beiden
Seiten. Es kam zu langwierigem ideologischen Streit, worauf Kofler seine
'Tür' zum Osten vorerst zuwarf - allerdings im Unterschied zu manch anderem
Hallenser, wie dem Sozialdemokraten I.M.Lange, nicht ganz und nicht für
alle Zeit." "Kofler ist sicherlich
innerhalb der marxistischen Tradition das, was man als einen sehr eigensinnigen
Menschen bezeichnen könnte, aber kein Dogmatiker. Die wirklich eigensinnigen
Menschen sind nie Dogmatiker, aber sie halten an dem fest, was für sie
einmal wichtig war, und opfern Kategorien nur unter der äußersten Beweislast
ihrer Unwahrheit. Sie schließen sich nicht Moden an und geben nie das
auf, was geschichtlichen Erfahrungsgehalt repräsentiert. (...) Mit Leo
Kofler ist eine Form des unverstümmelten, lebendigen Marxismus verknüpft
(...)." "Ist es nicht klar,
dass an der Hallenser Universität unter der Maske wissenschaftlicher Interpretation
des Marxismus sowjetfeindliche Konterbande eingeschmuggelt wird? Und ist
es nicht an der Zeit, dass die fortschrittlichen Studenten in Halle dazu
übergehen, gegen die Träger dieser sowjetfeindlichen Konterbande einen
energischen ideologischen Kampf aufzunehmen?" "Das was ich mir
in Soziologie angeeignet hatte, habe ich [Ende der 40er Jahre] versucht
denen [angehenden Lehrern] zu vermitteln. Zum Beispiel Marx und Marxismus.
(...) Frage: Ja wo hattest Du das her? Hast Du Dir das selber beigebracht?
Pirker: Nein, ich bin durch ein Buch sehr stark marxistisch geworden.
Aus der Familie wusste ich einiges, aber nicht sehr viel. Das war ein
Buch von Leo Kofler. In der Emigration hat der ein Buch herausgegeben,
das hieß Die Wissenschaft von der Gesellschaft." "Die anregendsten
Debatten aber führte ich mit Leo Kofler. (...) Der hoch gewachsene, soweit
noch zu erkennen war, rothaarige Mann fiel mir bald auf, weil er stets
wortreich und überlegen mit anderen Emigranten diskutierte. Was mich sofort
beeindruckte, war die Art, wie er zu bestimmten Fragen Stellung nahm:
Ihm schien jedes schablonenhafte Denken fremd. Zudem zeichneten sich seine
Darlegungen durch große Sachkenntnis aus. Ich hatte das Gefühl, dass er
weit tiefer in die Probleme eindrang, als ich das bisher erlebt hatte,
und dass er bemüht war, alle Fragen in ihrem Zusammenhang und in ihrem
Widerspruch zu erfassen. (…) Immer wieder beriet Kofler mich, diskutierte
mit mir über dieses oder jenes Buch und weckte in mir nicht zuletzt auch
das Bedürfnis, nichts als gegeben hinzunehmen, an allem zu zweifeln, so
wie es Karl Marx einst entsprechend seinem Lieblingsmotto postuliert hatte." "Man kann Leo Kofler
nicht für irgendeine Gruppe reklamieren. Dazu ist Leo Koflers Weg zu unabhängig
und eigenwillig gewesen. (...) Und trotzdem könnte keine zureichende Geschichte
der sozialistischen Linken (...) erscheinen, ohne Koflers Arbeit und seine
oft eher verborgenen Einflüsse zu erwähnen. Ohne die unnachgiebige, keine
Resignation kennende, marxistischer Theorie auch in repressiver Gesellschaft
nicht entsagende Arbeit, während der antikommunistischen 50er und 60er
Jahre, ohne die Arbeit der Kofler u.a., der so wenigen, wäre auch der
schon wieder geschwächte Aufbruch Ende der 60er Jahre nicht denkbar, nicht
durchhaltbar gewesen." "Kofler setzt in
seinen Arbeiten jene Linie des Marxismus fort, die in der Problematik
des Menschen und der Geschichte die wahre Domäne der marxistischen Theorie
und Kritik sieht. Daher widmet er einen Teil seiner Untersuchungen der
Analyse der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und der Methodologie
der historischen Forschung. Den anderen Teil seiner Untersuchungen widmet
er der Kritik des stalinistischen Bürokratismus und einigen in Beziehung
dazu stehenden Phänomenen." "Vieles ist mir unverständlich
geblieben, und ich sollte deshalb schweigen. Jedenfalls bedürfte es einer
sehr ausführlichen Untersuchung, um meine Einwendungen gegen die ganz
ungewöhnliche und angreifbare Auffassung dieses seltsamen Marxisten vorzutragen." "Zentral für die
Vermittlung der marxistischen Klassik in dieser Gegenwart bleibt Georg
Lukács, neben dem neuerdings auch wieder Karl Korsch gelesen wird sowie,
immer noch zu wenig beachtet, Leo Kofler."
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