Georg Lukács zum 85.ten Geburtstag [1970]

Georg Lukács, der große Mann aus Budapest, weltberühmter Literatursoziologe und Philosoph, hat sein 85.Lebensjahr vollendet. Suchen wir nach einer zusammenfassenden Charakteristik dieses Geistes, so erinnern wir uns an die Worte von Thomas Mann: In Lukács erkenne ich „einen Mann, dessen intellektuelle Natur, Weltanschauung und soziales Bekenntnis keineswegs die meinen sind, in dem ich aber einen strengen, reinen und stolzen Geist ehre und sittlich bewundere, und dessen kritische Werke Die Seele und die Form, Theorie des Romans usw. unzweifelhaft zum Bedeutendsten gehören, was auf diesem Gebiet während der letzten Jahrzehnte in deutscher Sprache angeboten worden ist.“

Ursprünglich kantianisch und fortschrittlich-bürgerlich gesonnen, vollzieht sich während des Ersten Weltkrieges in Lukács eine tiefe Wandlung. Denn wir finden ihn im Jahre 1919 an der ungarischen Revolution beteiligt; nach deren Zusammenbruch nimmt er an der illegalen Arbeit der kommunistischen Partei Ungarns teil. Sein späterer Kritiker Ladislaus Rudas sagte von ihm: „Dann wurde Genosse Lukács Kommunist (…) In und nach der Revolution stand er immer auf einem exponierten Posten, keine Minute schwankte er.“

Die weitere Entwicklung, die Lukács nimmt, führt ihn ins Wiener Exil. 1923 veröffentlicht er sein erstes marxistisches Werk Geschichte und Klassenbewusstsein. Es erregt besonders wegen des berühmt gewordenen Abschnitts „Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats“ großes Aufsehen. (Kürzlich hat der Luchterhand-Verlag dieses Werk neu herausgegeben.) Lukács selbst begegnet diesem Kapitel heute wegen der durch die hegelianische Denkweise verschuldeten Gleichsetzung von Vergegenständlichung und Entfremdung mit einer gewissen Reserve. Die hier nicht weiter zu diskutierende noch wichtigere und in meinem Buch Der asketische Eros aufgeworfene Frage ist die, ob Lukács nicht unkritisch der bürgerlich-erkenntnistheoretischen Gleichsetzung von naturphilosophischen und gesellschaftsphilosophischem Begriff der „Erzeugung“ unterlegen ist.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens von Geschichte und Klassenbewusstsein sind es deutliche Tendenzen der Dogmatisierung des Marxismus, die bereits anzeigen, dass der Kommunismus nicht den Weg der sozialistischen Demokratie, die für Marx in einem dialektischen Sinne gleichbedeutend war mit jener der Diktatur des Proletariats, einschlagen wird, sondern jenen des bürokratischen Terrorismus. Zum Vertreter dieser ideologischen Dogmatisierung des Marxismus warf sich der in Moskau lebende ungarische Emigrant Ladislaus Rudas auf. Er hält Lukács den prominenten Theoretiker eines mechanistischen Materialismus Nikolai Bucharin als Vorbild entgegen, in diesem Jahre – 1924 – nicht ahnend, dass Bucharin später infolge seiner politischen Abweichung vom Stalinismus hingerichtet werden wird.

Lukács schweigt angesichts dieser vulgären Kritik beharrlich. Er zieht sich geschickt auf sein ursprüngliches literaturtheoretisches Gebiet zurück und weicht auf diese Weise dem offenen Zusammenstoß aus. 1929 finden wir Lukács in Moskau, 1931 verläßt er es, 1933 kehrt er wieder dahin zurück, um im Philosophischen Institut der Wissenschaftlichen Akademie über den jungen Hegel zu arbeiten. In dieser Zeit entwickelt er in zahlreichen literaturtheoretischen Essays seine Theorie des künstlerischen Realismus. Dieser Realismus ist – nach Lukács – trotz der dauernden Veränderung seiner zeitgebundenen Ausdrucksformen wesentlich zeitlos. Nur die Themen und Probleme werden ihm stets von den historischen Epochen aufgegeben. Diese Probleme sind es, die darüber entscheiden, ob wir es mit einem antiken, bürgerlichen oder sozialistischen Realismus zu tun haben. Der begabte Dichter pflegt die scheinhafte ideologische Einkleidung der Lebenswirklichkeit zu durchbrechen und zum dahinter liegenden Wesentlichen vorzudringen. In seiner großen Ästhetik zeigt Lukács eingehend, dass sich die ästhetische Wahrheitserkenntnis grundlegend von der theoretischen unterscheidet; er lehnt eine naturalistisch soziologisierende Kunst scharf ab. Bemerkenswert ist hierbei, dass Lukács aus dieser Position heraus zu einer ins Zentrum zielenden Ablehnung der modernen Kunst gelangt. Er verurteilt sie nicht bloß darum, weil sie die Wirklichkeit nicht richtig widerspiegelt; er verurteilt sie, weil die zur Darstellung gelangenden Figuren zumeist nirgends die Grenzen des geltenden ideologischen Scheins, d.h. des falschen Bewusstseins überschreiten. Lukács klassifiziert sie deshalb als naturalistisch. Im Gegensatz dazu hat die große Literatur die ästhetische Pflicht, die hinter dem ideologischen Schein sich verbergende menschliche und gesellschaftliche Wahrheit wenigstens durchscheinen zu lassen. Ästhetische Widerspiegelung ist also in der Ansicht von Lukács ein höchst komplizierter Prozess, der nichts zu tun hat mit dem oft missverständlich unterstellten sensualistischen Begriff der Widerspiegelung.

Das Verständnis des Objekts der Widerspiegelung spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Auf eine abstrakte Formel gebracht, besteht dieses Objekt in der widerspruchsvollen Identität von qualitativ Einmaligem und Typischem. Die Dialektik von Unwiederholbar-Einmaligem und Überindividuell-Typischem ergibt das, was in der romanhaften oder dramatischen Kunst das „Schicksal“ ausmacht. Die Kunst der großen Realisten aller Zeiten, etwa Dantes, Cervantes‘, Molières, Shakespeares, Goethes, Defoes, Kellers, Balzacs, Tolstois, Gorkis usw. bestand darin, dass ihre thematische Fabel sowohl die individuelle Vielfalt und Lebendigkeit des wirklichen Lebens auszuschöpfen und gleichzeitig in ihrer konkreten historischen Verdichtung zu begreifen vermochte. Erst diese dialektische Gleichzeitigkeit der Schilderung des Eingesponnenseins des Individuellen im Allgemeinen und des Sichausdrückens des Allgemeinen im Schicksal des Individuums ergibt eine der Wirklichkeit, ihrer widerspruchsvollen Lebendigkeit und Vielseitigkeit konforme Erfassung der tiefsten Probleme der menschlichen Existenz. Denn nur auf diesem Wege enthüllt sich das hinter dem ideologischen Schein sich verbergende Wesen des konkreten menschlichen Lebens.

Hierbei kommt gerade das zu seinem uneingeschränkten Recht, was man in der neueren Diskussion als die Innerlichkeit herauszustellen pflegt. Das Innerlich-Seelische erweist sich hier als eine Stufe des Bewusstseinsmäßigen überhaupt. Eine für sich bestehende, von der Totalität des Geschehens losgerissene Innerlichkeit leugnet Lukács bereits in ihrer Möglichkeit. Im Zusammenhang mit einer Analyse von Goethes Werther sagt er: „Da Goethe von konkreten Menschen, von konkreten menschlichen Schicksalen ausgeht, fasst er alle diese Probleme in jener konkreten Verwickeltheit und Vermitteltheit, in der sie sich im persönlichen Schicksal einzelner zeigen. Da er in seinen Helden einen außerordentlich differenzierten und innerlichen Menschen gestaltet, zeigen sich diese Probleme in einer sehr komplizierten, tief in die Ideologie hineinreichenden Weise.“

Lukács kritisiert jene modernen Richtungen, die sich selbst als die „absurden“ bezeichnen, und die sich in der Sucht verzehren, eine außerordentliche und dem Normalen des Lebens abgewandte, eine dem Übersteigert-Subjektivistischen zugewandte Thematik ausfindig zu machen. Normal heißt für Lukács so viel wie sich im Typischen der historischen Vermittlungen bewegend. In diesem Sinne ist die Erscheinung der Entfremdung als normal zu klassifizieren. Aus dem Normalen bricht die Darstellung da aus, wo die in einem Übermaße aus der gesellschaftlichen Vermittlung heraus gehobenen paranoiden oder genialischen, verbrecherischen oder sexuell abwegigen, einer subjektivistisch losgelösten Angst und Verzweiflung usw. unterworfenen Gestalten ihr von aller gesellschaftlichen Konkretheit losgelöstes und gleichzeitig ungewollt doch nur die verdinglichte Oberfläche blaß reflektierendes Scheinleben führen.

Auch sein eigenes Schicksal pflegt der bedeutende Dichter nicht subjektivistisch zu bejammern, sondern auf dem Hintergrund des allgemeinen Schicksals der Zeit darzustellen. Hölderlin zum Beispiel, schreibt Lukács, ist einer der tiefsten und reinsten Elegiker aller Zeiten. In seiner bedeutenden Bestimmung der Elegie spricht Schiller darüber, dass in ihr die Trauer nur aus einer durch das Ideal erweckten Begeisterung erfließen darf. Und er verurteilt alle Elegiker, die bloß über ihr privates Schicksal trauern. Hölderlin ist überall gescheitert, in seiner Existenz wie in seiner Liebe zu Suzette Gontard. Trotzdem ergibt er sich nirgends der kleinlichen privaten Klage. Wenn Hölderlin auch die gesellschaftliche Notwendigkeit für sein Scheitern kosmisch mystifiziert, so drückt er darin zugleich das Gefühl aus, dass der Zusammenbruch seiner privaten Bestrebungen nur eine notwendige Folge eines allgemeinen Zusammenbruchs ist. Der Kontrast zwischen dem verlorenen Ideal des Griechentums und der Miserabilität der deutschen Gegenwart ist der ständige Inhalt seiner Klage.

Wie gegen die modernistische Einseitigkeit wendet sich Lukács ebenso energisch gegen die Überbetonung des Allgemeinen in einzelnen Dichtungen der Vergangenheit bis zum Stalinismus hin. Das Allgemeine, sagt er, darf durch die einzelne Figur nur durchschimmern. Jedes pedantisch enzyklopädische Streben nach Abbildung der Welt, wie z.B. bei Milton oder Klopstock zerstört die poetische Lebendigkeit. Bei Dante dagegen dominieren die unwiederholbaren Ichgestalten mit ihren Stimmungen und Reflexionen, die andererseits aber nicht vom objektiven Prozess losgerissen erscheinen. „Der lebendige Reichtum“‚ sagt Lukács wörtlich, „die menschliche Bewegtheit, die innere Dramatik der dargestellten Welt kommt in den vielen hunderten an Dante vorüberziehenden konkreten Einzelgestalten zum Ausdruck.“

Selbst die Odyssee Fausts von der Unseligkeit zur Erlösung symbolisiert zwar die Abbreviatur der Menschheitsentwicklung, ohne aber dabei die Individualität, die historische und menschliche Konkretheit des Helden aufzuheben. Die Dichtung Goethes gewinnt ihre innere Wahrheit, sagt Lukács, aus dem gerade nicht schematischen und nicht mechanischen Zusammenfallen der Entwicklungsprobleme von Individuum und Gattung. Jeder Schritt, den das Individuum Faust macht, muss sich von hier aus bewahrheiten. Aber der dialektische Gang des Ganzen geht über das Individuum hinaus und trägt seine Wahrheit in der historisch-sozialen, in der anthropologischen Entwicklung der Gattung selbst.

Wo die Prinzipien des Realismus, wie sie bisher skizziert wurden, sich behaupten – es gibt ihrer noch mehrere, aber wir können sie hier nicht behandeln -‚ kann sogar das Mittel der künstlerischen Phantastik zu ihrer Erhellung beitragen. Dem ästhetischen Realismus kommt es nicht auf die Mittel, sondern auf die Aussage an. Die überraschende Unterstreichung der positiven Rolle des Phantastischen durch Lukács erklärt sich aus dessen Einschätzung der künstlerischen Intuition als des vornehmlichen Mittels der Widerspiegelung des verborgenen Wesens der Wirklichkeit im Gegensatz zu dem sich oft positivistisch-rationalistisch gebenden ideologischen Schein.

In weiterer Konsequenz dieser Überlegungen gelangt Lukács zu der Erkenntnis, dass das im historischen Fortschritt sich äußernde Allgemeine sich gleichsam auf dem Rücken des Individuellen durchsetzt und diesem jene Tragik aufzwingt, die das menschliche Leben erfüllt. Deshalb entsteht, sagt er, für Goethe wie für Hegel der unaufhaltsame Fortschritt der Menschengattung aus einer Kette von individuellen Tragödien. Gegenüber dem flachen Optimismus des Liberalismus weist Lukács auf die unaufhebbare Rolle des Tragischen hin; gegenüber dem heutigen ebenso flachen Pessimismus unterstreicht er das Wesen der Geschichte als eine Kette von tragischen Widersprüchen, die nach aufwärts führen. Gleichzeitig ist das Scheitern des bedeutenden Individuums nur ein scheinbares. Denn der Zusammenbruch als Folge der Nichterfüllung des Ideals bleibt nur ein Moment in seiner historischen schrittweisen Erfüllung (möge es auch niemals gänzlich erreicht werden). Das Tragische und seine Wurzeln nennen die Menschen das Böse. Lukács zeigt, dass Goethe das Böse im dialektischen Prozess der Selbstverwirklichung des Menschen ähnlich wie Hegel verstanden wissen möchte, weshalb er geradezu von einer „satanischen Weisheit“ spricht, vergleichbar der hegelschen „List der Vernunft“. Aus dem Kampf des Guten und des Bösen entsteht die Entwicklungsrichtung nach vorwärts, wird auch das Böse zum Vehikel des Fortschritts.

Die Erkenntnis des dialektischen Verhältnisses von Gut und Böse wirft ein interessantes Licht auf das Wesen solcher Phänomene wie Leidenschaft und Genuss. Die Leidenschaften umspannen das ganze Kulturleben. Unter Beherrschung der Leidenschaften ist nicht ihre kantianisch philisterhafte Unterdrückung zu verstehen, sondern ihr Einsatz in der Wechselwirkung der Menschen untereinander, ihre Erprobung im Dienste der Entfaltung der individuellen Fähigkeiten und der Herstellung des harmonischen Gleichgewichts. Faust ist leidenschaftlich antiasketisch gestimmt. Er ist auf ihre Erprobung in der Welt ausgerichtet. Aber er verachtet den bloßen Hedonismus, den Lebensgenuss um des sinnlichen Genusses willen. Goethe selbst gibt in einem Brief an Lavater eine Beschreibung dessen, was er unter Genuss versteht, in der folgenden Weise: „So habe ich ein Musterstücklein des bunten Treibens der Welt herrlich mitgenossen: Verdruss, Hoffnung, Liebe, Abenteuer, Arbeit, Not, Langweile, Hass, Albernheiten, Torheit‚ Freude, Erwartetes und Unvorhergesehenes, Flaches und Tiefes, wie die Würfel fallen.“

Das große Lebenswerk von Lukács erschöpft sich nicht in solchen Überlegungen. In zahllosen Analysen bedeutender literarischer und philosophischer Autoren und Strömungen demonstriert er, wie sich der Marxismus schöpferisch und lebendig anwenden läßt. Hierbei kommen zahllose Einzelprobleme von höchster Bedeutsamkeit zum Vorschein, die Lukács stets in einer überraschenden und originellen Weise zu behandeln versteht. Wir erinnern nur an solche hier willkürlich und beispielhaft herausgehobene Probleme wie jene der Ironie, des Ideals, der Illusion, der künstlerischen Technik im Gegensatz zur Form, des Fetischismus in der Literatur, des Humors, des Irrationalismus und seiner Entstehung, des religiösen Atheismus, der genießerischen Akkomodation an die Tragik, der Entpoetisierung der Wirklichkeit, des Psychologismus als Naturalismus, des Allegorischen und so weiter. Indem Lukács gleichzeitig in der methodischen und inhaltlichen Anstrengung streng auf Marx und Engels zurückgeht, aktualisiert und belebt er die große Fülle ihrer Anschauungen auf eine völlig neue Weise. Er schafft den Marxismus gleichsam nochmals in einer den neuen theoretischen Bedürfnissen entsprechenden Weise.

Ein glänzendes Beispiel hierfür finden wir in seinem 1940 veröffentlichten Artikel „Volkstribun oder Bürokrat“. Von einer Analyse der sowjetischen Bürokratie ausgehend, greift er die auf ihrem ideologischen Boden entstandene naturalistische Literatur Russlands an. Formalismus und Naturalismus, so schreibt er, müssen, wo sie in der sowjetischen Literatur entstanden, noch tiefer stehen als ihre bürgerlichen Vorbilder. Lukács zeigt, worin die ideologische Hauptschwäche der sowjetischen Bürokratie zu suchen ist: in ihrem flachen illusionären Optimismus, der alles vereinfacht und schablonisiert, wodurch er an den wirklichen individuellen wie gesellschaftlichen Problemen blind vorbei geht, dies mit dem einzigen fragwürdigen Erfolg, die Widersprüche nur noch mehr zu vertiefen und zu verwirren. Seine Formulierungen sind unzweideutig: „Solange wir nicht sagen können, dass die Bürokratie aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Sowjetunion spurlos verschwunden ist, solange sind wir verpflichtet, ihre ideologischen Ausströmungen auf die verschiedensten Gebiete sehr sorgfältig zu untersuchen und rücksichtslos zu bekämpfen.“ Und weiter sagt er: „Es ist ein heute nicht überwundenes Gebrechen der politischen und propagandistischen Belletristik in der Sowjetunion, dass sie einen beschränkten Wirkungskreis hat: sie gewinnt für die Wahrheit, die sie verkündet, nur diejenigen, die von ihr sowieso ganz oder halb überzeugt sind. Da sie die propagierte Wahrheit in fertigen Resultaten darbietet, aber nicht aus Menschenschicksalen vor dem Leser entstehen lässt, packt sie den von vornherein nicht Überzeugten nirgends, ja sie stößt ihn oft geradezu ab.“

Im Abstoßen sind die sowjetischen Politiker und Ideologen inzwischen unerreichte Meister geworden, wie der kopflose Einmarsch in die Tschechoslowakei beweist.

In den durch das chrustschowsche Tauwetter ermöglichten Diskussionen der führenden Dichtervereinigung Budapests, des Petöfi-Klubs, steht Lukács in vorderster Reihe. Täglich drängen sich Tausende, um Lukács zu hören. In dem nachfolgenden demonstrativen Aufstand, der – mit Ausnahme des letzten Abschnitts, in dem sich faschistische Elemente einzumischen beginnen – einen rein sozialistischen Charakter zeigt, gehört Lukács der Regierung an. Die Tragik der ungarischen Bewegung besteht darin, dass sie nicht wie die spätere Dubceks, die in einem Wust von Verleumdungen erstickt wird, friedlich verläuft. Nach ihrer Niederwerfung wird Lukács zusammen mit Imre Nagy nach Rumänien deportiert. Im Gegensatz zum letzteren kehrt er nach Budapest zurück. Es wird ihm alle öffentliche Betätigung verboten. Der Umstand, dass er sich geweigert hat, während der Aufstandsbewegung die UNO anzurufen, rettet ihm das Leben. Die vorsichtige Liberalisierung Ungarns durch Kadar, der selbst in den stalinistischen Kerkern gesessen hatte, erlaubt es Lukács im Laufe der Zeit, sich freier zu bewegen und wissenschaftliche Kontakte mit dem Ausland aufzunehmen. Deshalb konnte er bereits im Jahre 1958 seine ebenso ausgezeichnete wie von den westlichen Literaturideologen völlig unverstanden gebliebene Schrift Wider den missverstandenen Realismus veröffentlichen, in der er seinen Kampf gegen die westliche Dekadenz und gegen den östlichen Bürokratismus mutig fortsetzt. Gegen letzteren bemerkt er: „Gesteuerte Kunst, wie wir sie von der stalinistischen Ära her kennen, kann zu nichts anderem führen als zum ärarischen Naturalismus, d.h. zur Schaffung von Perspektiven des Augenblicks und zu Illusionen statt zur Wirklichkeit. Es war typisch für die Zeit Stalins, dass man unter normalen Umständen auf die im Bürgerkrieg übliche Art regierte.“

Das unaufhaltsame Anwachsen der marxistisch-humanistischen Opposition in den kommunistischen Ländern bildet die Garantie dafür, dass die Ideenwelt von Lukács nicht bloß in chrustschowschen und dubcekschen Etappen aufflackern wird, sondern auf längere Sicht gesehen zum Siege gelangen muss, um von daher das Problem des Weltsozialismus von neuem aufzurollen.

Ein unveröffentlichter Artikel aus dem Nachlass. Zuerst veröffentlicht in Mitteilungen der Leo-Kofler-Gesellschaft 5.