Hände weg von Leo Kofler!

Wie ein reaktionäres Häuflein versucht, den linken Sozialisten Leo Kofler auf rechtsaußen zu drehen

Vorbemerkung: Aufgrund juristischer Anfechtungen von Stefan Dornuf und Reinhard Pitsch (die bisher weitestgehend erfolglos geblieben sind; vgl. dazu meinen Beitrag: „Der Fall Dornuf-Pitsch. Teil 2: Wie ein reaktionäres Duo versucht, die Leo Kofler-Gesellschaft zu zerstören“) wurde die erste Fassung dieses Textes in zwei kleinen Nebensächlichkeiten geringfügig verändert.
Christoph Jünke, Juni 2008

Auch wenn sich in unseren Zeiten einer Umwertung aller Werte die herrschende Ideologie seit vielen Jahren bemüht, die Begriffe Links und Rechts so aufzuweichen, auszuhöhlen und durcheinander zu werfen, dass man zum Schluss kommen kann und soll, es handele sich dabei um Synonyme, so will dies, trotz aller Fortschritte hier und da, nicht so wirklich gelingen. Entsprechend sperrig ist die Reaktion, wenn plötzlich ein namhafter marxistischer Gesellschaftstheoretiker und Linkssozialist wie Leo Kofler als Autor im Verlagsprogramm der intellektuellen Ultra-Rechten erscheint. So geschehen Ende 2007 im Wiener Karolinger Verlag, der unter Leo Koflers Namen und mit dem programmatischen Titel Nation – Klasse – Kultur einen Band mit gesammelten Aufsätzen aus vier Jahrzehnten (so der Untertitel) verlegt hat.
Als Herausgeber fungiert im Namen eines nicht näher bestimmten „Arbeitskreises“ der „Wiener Philosoph“ Reinhard Pitsch, der es sich dabei nicht nehmen lässt, die vorgelegte Sammlung von Kofler-Aufsätzen und Artikeln ausgiebig zu kommentieren – vor allem, indem er dabei mit beleidigenden Verleumdungen und Denunziationen nur so um sich wirft, um die Leo Kofler-Gesellschaft e.V., ihre Mitglieder wie ihre führenden Vertreter (und nebenbei gleich auch die Internationale Georg Lukács-Gesellschaft im Besonderen und die deutsche und internationale Linke im Allgemeinen) anzugreifen. Kofler wird von ultrarechts interpretiert und als nationalistischer Anti-Linker dargestellt, den man vor seiner Witwe und seinen in der Kofler-Gesellschaft versammelten Schülern und Freunden schützen müsse, die seinen Nachlass und sein intellektuelles Erbe fälschen und verdrehen würden. Kurioserweise wird dabei nicht einmal Kofler selbst von zum Teil heftiger Kritik ausgenommen. Doch gehen wir der Reihe nach.

Ein rechtes Netzwerk und sein „linker“ Herausgeber
Der Karolinger Verlag ist seit vielen Jahren eine intellektuelle Drehscheibe der rechts-reaktionären Szene. Die beiden Verlagsleiter Jean-Jacques Langendorff, 69, und Peter Weiß, 65, selbst keine unbeschriebenen Blätter in der rechtsintellektuellen Szene, veröffentlichen Bücher von und über Oswald Spengler, Ernst Nolte und Ernst Jünger, publizieren Armin Mohler und Karlheinz Weißmann als Vordenker der Neuen Rechten ebenso wie den FAZ-Redakteur Lorenz Jäger und die Ex-Linken Frank Böckelmann und Bernd Rabehl. Programmatisch verlegt Karolinger zudem eine „Bibliothek der Reaktion“ mit Autoren wie Juan Donoso Cortés, Joseph de Maistre, Konstantin Leontjef und Fürst von Metternich sowie Buchreihen zur Konservativen Revolution 1918-1932. Und für die strikter am Zeitgeist Orientierten gibt es schließlich Bücher wider die vermeintliche mediale Hexenjagd gegen Eva Herman oder gegen das linke Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Ein ebenso schillerndes wie einschlägiges Verlagsprogramm also – und nun auch noch Leo Kofler, der marxistische Einzelgänger und herausragende Sozialphilosoph des deutschen Nachkriegssozialismus?
Mit rechten Dingen ist dies jedenfalls nicht zugegangen, denn der Nachdruck der Kofler-Aufsätze in einem reaktionären Verlag ist nicht nur ein publizistisches Skandalon, sondern auch ein direkter Verstoß gegen die Urheberrechte der Familie Kofler. Konsequenterweise hat deswegen Koflers Witwe Ursula Kofler unmittelbar nach Bekanntwerden dieser weder angekündigten noch von ihr autorisierten Buchveröffentlichung einen Rechtsanwalt eingeschaltet, die Auslieferung des Buches stoppen lassen sowie weitere rechtliche Schritte angekündigt, wenn die Wiederholungsgefahr nicht eindeutig gebannt wird.
Verlagsleiter Peter Weiß scheint dies jedoch mit Gelassenheit zu nehmen, die FAZ zitierte den Bonvivant im April 2004, in einem ausführlichen und wohlwollenden Verlagsporträt, mit den Worten: „Wer es mit Künstlerwitwen zu tun kriegt, ahnt, dass die Witwenverbrennung in Indien doch einen Sinn haben könnte.“ Weiß war bis Ende der 1990er Jahre ein hoher Bankier, Auslandschef der österreichischen Volksbanken, und ist auf seine alten Tage ob seiner intellektuellen Leidenschaften zum österreichischen Universitätsrat berufen worden – was nicht ohne öffentlichen Protest vonstatten ging, da Weiß als Bewunderer und Förderer von Andreas Mölzer gilt, der wiederum, als Sprachrohr und Vordenker des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider sowie als jetziger Europaabgeordneter, eine Schlüsselfigur der europäisch vernetzten Ultra-Rechten ist.
Auch an dem weniger prominenten Herausgeber der Kofler-Aufsätze scheint Weiß einen besonderen Gefallen gefunden zu haben. Reinhard Pitsch ist nämlich ein ganz besonderes Wiener Kuriosum. In jungen Jahren durch die 68er Revolte und eine Wiener trotzkistische Schülergruppe wach geküsst, begann der 1953 geborene Pitsch zu Beginn der 1970er Jahre ein viel versprechendes Studium. Allzeit getrieben jedoch von dem „Wunsch, den bürgerlichen Lebensweg zu durchtrennen“, wie er es in einem taz-Interview 2007 formulierte, geriet er Mitte der 1970er ins Umfeld der Bewegung 2. Juni, für die er Zuträgerdienste leistete und sich in die Entführung des Wiener Industriellen Walter Palmers verwickeln ließ, wofür er ab Ende 1977 fast vier Jahre hinter österreichische Gitter musste. Für die Karriere in der bürgerlichen Gesellschaft solcherart „verbrannt“, versucht sich Pitsch seitdem als Philosoph und hat nun, nach langer Odyssee, in Peter Weiß einen offensichtlich wohlwollenden Verlagsleiter gefunden. Nicht ganz so überraschend, schließlich hat der einen Freund und Ko-Verlagsleiter, der selbst eine ähnliche Geschichte aufweist: Der aus sozialdemokratischem Elternhaus stammende Langendorff hatte 1959, als junger Mann und aus Protest gegen den ultrarechten Diktator Franco, einen linksterroristischen Sprengstoffanschlag auf die spanische Botschaft in Bern unternommen, bevor er sich zu einem gelehrten Abenteurer entwickelte, der heute als Militärhistoriker, Privatgelehrter und Verlagsleiter arbeitet.
Ursprünglich, berichtet uns Pitsch freimütig im Vorwort, hätten auch Günter Maschke und Stefan Dornuf, „zwei Koflerianer der ersten respektive zweiten Stunde, den vorliegenden Band editorisch bzw. bibliografisch betreuen sollen“ (S.12f.), was zwar wegen deren angeblich chronischer Überlastung nicht gegangen sei. Aber irgendwie sind sie doch auch an Bord, denn der aus wohlhabendem Hause stammende Gelegenheitsautor und Privatgelehrte Stefan Dornuf – Pitsch nennt ihn großspurig den „Jesuitenzögling und Meister der freien Künste“ (S.13) – habe ihm Vorarbeiten „hinterlassen, deren man sich gerne, und mit seinem Segen bedient“ (S.13) habe. Günter Maschke wiederum – in den 1960ern ein linker radikaler SDSler und seit den 1970ern ein ebenso radikaler Anti-Linker, einer der so genannten Vordenker der Neuen Rechten, der sich trotz seines politischen Rechtsradikalismus in der Wissenschaft einen Namen als Carl Schmitt-Herausgeber gemacht hat und den Pitsch im Vorwort als „pantagruelische(n) Privatier“ hochleben lässt – „ermahnte den jetzigen Herausgeber eindringlich, über der Diktatur des Säbels nicht diejenige des Dolches zu vergessen“ (S.13).
Doch damit ist das Herausgeber- und Mitarbeiter-Netzwerk noch längst nicht vollständig. Im Vorwort und in den ausführlichen Text-Kommentaren werden auch noch weitere Namen genannt, bekannte wie weniger prominente – unter anderem die einschlägig bekannten, politisch-intellektuell ebenfalls von linksaußen nach rechtsaußen gewanderten Reinhold Oberlercher und Horst Mahler, die heute als Schlüsselfiguren des neuen Rechtsradikalismus um die NPD und das Deutsche Kolleg herum agieren und 1999 zusammen mit Maschke eine „Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968“ veröffentlichten, in der sie die 68er-Bewegung national-revolutionär umzudeuten versuchen.
Dass Maschke dabei als „Koflerianer der ersten Stunde“ firmiert, weil er 1972, als er noch jung und links war, eine Aufsatzsammlung Koflers mitherausgegeben und ausführlich eingeleitet hat, und dass Dornuf als „Koflerianer der zweiten Stunde“ firmiert, weil er 1987 eine andere Aufsatzsammlung Koflers herausgegeben und mit einem Nachwort versehen hat, sei einmal dahingestellt gelassen. Dass sich jedoch auch Pitsch heute als „ein enger Vertrauter Koflers“ (Klappentext) vorstellen lässt – offensichtlich, weil er sich in den 1980ern mehrfach mit Kofler getroffen hat, als dieser zum jährlichen Besuch in seiner alten Heimatstadt Wien weilte –, das ist ebenso schlicht gelogen wie die einstmalige Selbststilisierung Stefan Dornufs zum „Privatsekretär“ Koflers.

Die Arbeitsweise der Herausgeber
Pitsch und Dornuf verbindet seit langem eine enge Freundschaft, um nicht zu sagen: Kameradschaft. Sie treten nicht selten als intellektuelles Duo auf und haben sich so auch bereits einen gewissen Namen gemacht – nicht zuletzt, als sie in den 1990ern die Wolfgang Harich-Gesellschaft in ihrem Sinne „aufmischten“ und in eine publizistische und juristische Fehde gegen die Witwe Harichs verwickelten, die für wissenschaftspolitisches Aufsehen sorgte.
Dass sie es auch auf die Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft abgesehen haben, lässt sich den diesem Kofler-Band scheinbar mutwillig angehängten drei „Rezensionen“ Dornufs entnehmen, in welchen dieser gegen die im Aisthesis-Verlag verlegten Lukács-Werke meint polemisieren zu müssen. Auch in der Internationalen Hegel-Gesellschaft ist Dornuf bereits aufgefallen – weil er sich Ende der 1990er Jahre seiner Stimme enthielt, als Reinhold Oberlercher wegen eines antisemitischen TV-Interviews aus der Hegel-Gesellschaft ausgeschlossen wurde. Und im Jahre 2000 versuchten Dornuf und Pitsch Ähnliches erstmals auch in der Leo Kofler-Gesellschaft e.V., als sie gemeinsam auf einem großen Kofler-Kongress an der Ruhr-Universität Bochum auftraten. Gab uns Dornuf dort eine geistreich-geschichtsphilosophische Rechtfertigung des historischen Stalinismus als einer Erziehungsdiktatur, versuchte sich Pitsch schon damals vergeblich an der Säbelkunst und garnierte seinen Vortrag mit solch polternden deutschnationalistischen, antisemitischen und anti-linken Ausfällen garnierte, dass er einen ganzen Hörsaal gegen sich aufbrachte.
Auch Dornufs daran sich anschließende (in Form von Rezensionen in der Süddeutschen Zeitung, der Neuen Züricher Zeitung sowie dem Freitag vonstatten gegangene) publizistische Kampagne gegen mich als Organisator des Kongresses und Herausgeber eines zum Kongress frisch erschienenen Buches mit gesammelten Aufsätzen Koflers, endete für Dornuf mit einem Fiasko: Nachdem ich seiner als Rezension getarnten Verleumdung im Freitag offensichtlich überzeugend entgegengetreten bin, lehnte die Zeitschrift eine als „Gegendarstellung“ ausgegebene Erwiderung Dornufs schlicht ab und beendete die langjährige Zusammenarbeit mit ihm.
Dass die beiden in ihren Machenschaften offensichtlich nicht nachlassen können, sondern diese meinen noch verschärfen zu müssen, zeigt nun der im Karolinger Verlag verlegte und von Pitsch und Dornuf federführend erstellte neue Kofler-Band. (Ich beziehe hier Dornuf explizit mit ein, denn nicht nur hat Dornuf Pitsch seinen offiziellen „Segen“ gegeben und drei Beiträge unter eigenem Namen beigesteuert, auch die diversen Kommentierungen von Pitsch selbst offenbaren auffällige inhaltliche und stilistische Übereinstimmungen zu bereits veröffentlichten Dornuf-Texten und verweisen damit auf jene hinterlassenen Vorarbeiten, derer sich Pitsch erklärtermaßen gern bedient hat).

Warum das Buch?
Das vordergründig (und als solches verspätet) zum hundertsten Geburtstag Koflers veröffentlichte Karolinger-Buch versammelt 27 zumeist kurze Kofler-Texte, die bisher nicht in Buchform erschienen sind. Und sie geben hier vor allem zu ausführlichen Kommentierungen von Pitsch Anlass, in denen sich dieser als gelehrter Philosoph und Kofler-Interpret zu gebärden versucht. Dass er sich dabei weniger systematisch denn assoziativ und kryptisch gibt, daran muss sich der Leser/die Leserin (sofern er oder sie sich das Buch bereits besorgt hat oder die Absicht hat, es sich zukünftig auf illegalen Wegen zu besorgen) genauso gewöhnen wie an die vielen Beschimpfungen und Invektiven, mit denen die Herausgeber-Texte durchsetzt sind (sexistische Ressentiments finden sich hier ebenso wie anti-trotzkistische und anti-religiöse). Denn das hier vorgelegte Buch sei, so Pitsch kokettierend, ein „Produkt der Not-Wehr“ und „kaum mehr als eine Not-Lösung“ (S.9). Er befindet sich nämlich gleichsam im Kampf gegen die selbsternannten Erben Koflers, d.h. gegen Ursula Kofler und die sich auf Koflers Erbe berufende Leo Kofler-Gesellschaft e.V. (im Folgenden kurz: LKG), die ihrem Namensgeber in den Rücken fallen. (Wenn auch lächerlicher-, so doch konsequenterweise unterzeichnet Pitsch sein Vorwort deswegen mit einer Anspielung auf die Mörder Cäsars: „Wien, nach den Iden des April 2007“.) Führende Mitglieder der LKG, „allen voran Werner Seppmann und Christoph Jünke“, – und damit auch die LKG als ganze, denn unterschieden wird bei Pitsch und Co. nicht gern – hätten sich an den Schriften Koflers vergangen und seien diesbezüglich sogar „Fälscher“ (S.12). Wir – ich erlaube mir hier das undifferenzierte „wir“, obwohl ich selbstverständlich nur für mich allein sprechen kann, weil „wir“ eben von Pitsch zum undifferenzierten „wir“ gemacht werden – hätten Koflers Reputation beschädigt, indem wir ihn als lediglich „bedeutend“ eingestuft und als „eigenständig“ tituliert hätten. Für Pitsch ist dies offensichtlich Rechtfertigung genug für die von ihm selbst eingeräumte „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ (S.12) und auch sonst eine Herausforderung, denn er tönt: „Nein, Kofler war ernst zu nehmen – und hat es daher nicht verdient, von einem tristen Häuflein Schlechtweggekommener endgelagert zu werden, das ihn obendrein noch zurechtstutzt ad usum Doofini.“ (S.10)

Ist die Leo Kofler-Gesellschaft eine Fälscherwerkstatt?
Womit wir bei jenem Hauptvorwurf wären, dass „wir“ die Schriften Koflers „fälschen“ würden. Dies ist nun in der Tat ein wirklich weit reichender Vorwurf, dem jeder (oder jede) sich zu stellen hat, der (oder die) damit konfrontiert wird. Wer jedoch nach den Belegen für diese schwerwiegende Behauptung sucht, wird verblüfft. Reinhard Pitsch führt lediglich einen einzigen konkreten Fall an. In der 1992 erfolgten Neuauflage von Koflers Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft haben die Herausgeber – eine studentische Arbeitsgruppe der Bochumer Ruhr-Uni, aus der viele Jahre später die Kofler-Gesellschaft entstanden ist – einen Druckfehler aus vorherigen Auflagen übernommen, in dem aus dem lateinischen „fundamentum in re“ ein „fundamentum in rem“ gemacht worden war!
Ein Druckfehler in einem 800 Seiten starken Buch, das von einer Gruppe Studierender herausgegeben wurde, als es noch gar keine Kofler-Gesellschaft gab – das ist für Pitsch Beweis für die, so wörtlich, „Retuschen seitens der Leo Kofler-Gesellschaft“ (S.12), die zudem „ausschließlich ideologisch motiviert“ (S.12) seien! Und statt weitere, wirkliche Belege beizubringen, müssen, man höre und staune, mehr als eine von insgesamt fünf Vorwortseiten dafür herhalten, die vermeintlichen Retuschen von Jürgen Habermas an dessen eigenem Werk zu belegen. Doch was hat ausgerechnet Leo Kofler mit Jürgen Habermas zu tun – außer der Tatsache vielleicht, dass Kofler der erste marxistische Kritiker von Habermas gewesen ist? Nichts.
Außer einer solch kuriosen Dreistigkeit lesen wir über die Arbeit der Leo Kofler-Gesellschaft im Vorwort noch: „Mal wird ein Abschnitt über Entstalinisierung ‚weggezaubert’, mal ein Hinweis auf Carl Schmitt; Koflers ganze Gehlen-Rezeption soll nicht wahr gewesen sein, die Hinwendung zur Nation ebenso wenig etc.“ (S.12) Ausgeführt wird dies natürlich nicht. Zum Beleg wird stattdessen in Klammern auf eine Anzahl von Veröffentlichungen verwiesen (in den Hegel-Jahrbüchern, den Schmittiana und auf von ihm und Dornuf herausgegebene Werke), die es in sich haben. Besorgt man sich nämlich diese Quellen, so ist man nach dem bisher Gesagten kaum überrascht, dass man dort lediglich auf Veröffentlichungen Stefan Dornufs trifft, in denen dieser zumeist gegen Werner Seppmanns Kofler-Interpretation polemisiert – nicht mehr und nicht weniger. Und fast alle Fälle beziehen sich auf Veröffentlichungen, die nichts mit der LKG als solcher zu tun haben – auf einen anderen Fall komme ich weiter unten noch zurück. Sogar eine bloße Zeitungsannotation eines der Werke, in der Dornuf in einer Fußnote gegen Seppmann polemisiert, muss als scheinbar wissenschaftlicher Beleg herhalten, obwohl in ihr von Kofler keinerlei Rede ist.
Das hat weder etwas mit Wissenschaftlichkeit noch mit Redlichkeit zu tun. Alle Hinweise auf vermeintliche Fälschungen seitens der LKG erweisen sich als heiße Luft – weswegen sie im vorliegenden Band wohl auch nicht konkretisiert, sondern schlicht behauptet werden, mit Verweis auf für die Leserschaft nur schwer zugängliche Quellen. Herausgeber Pitsch kann für keines der bisher im Auftrag der LKG herausgegebenen Bücher (auch nicht für die in ihrem Auftrag herausgegebenen Materialienbände und bisher sieben Mitteilungshefte) auch nur einen wie auch immer gearteten Beleg liefern, dass es sich dabei um „Fälschungen“ oder „Textmanipulationen u. dgl.“ (S.11) handelt. Man nennt so etwas gewöhnlich Rufmord und es bietet wahrscheinlich ausreichenden Grund für eine Regress-Klage (diesbezügliche juristische Beratungen sind noch in Gang)!
Befragen wir also wenigstens die solcherart herumpolternde Herausgebergruppe daraufhin, wie sie selbst es mit der Aufbereitung des Koflerschen Erbes hält.

Formale Eingriffe
Dass bei Neuauflagen von Büchern die Druckfehler, veralteten Schreibweisen und inhaltlichen Brüche der entsprechenden Werke ihre besonderen Tücken haben, davon weiß jeder/jede ein Lied zu singen, der/die mit so etwas schon zu tun hatte. Und Pitsch und seine geheimen Mitherausgeber haben sich offensichtlich bemüht, manchen (ob von Kofler selbst oder von seinen damaligen Publikationsorganen verursachten) Unsinn zu verbessern. Das ändert nichts daran, dass ihnen dabei bemerkenswert viele Ungereimtheiten und Fehler unterlaufen sind. Mal werden Unterstreichungen oder Kursivsetzungen Koflers aus den ursprünglichen Publikationsorganen übernommen, mal nicht; mal werden aus Punkten Ausrufezeichen oder aus Doppelpunkten Semikola; mal verschwinden Absätze und mal Gedankenstriche oder werden zu Klammern; gelegentlich fehlen auch ein oder zwei ganze Sätze – der Scanner ist eben nicht allmächtig und der individuelle Mensch fehlbar… Schwerwiegender wird es dann schon, wenn bspw. aus einem „verschieden“ ein „grundverschieden“ wird (S.92); aus einem „unter Umständen“ ein „mitunter“ (S.87); aus dem „Prozess“ ein „Progress“ (S.88); aus dem „Unternehmerprofit“ der „Unternehmensprofit“ (S.91); aus „gegensätzlichen Interessen“ die „gesetzlichen Interessen“ (S.105); aus einem „soziologisch“ ein „sozial“ (S.159); aus einer unaufhebbaren Wechselwirkung eine unauflösliche (S.159); aus den sachgegebenen Notwendigkeiten die „ach so sachgegebenen“ Notwendigkeiten (S.188); aus einem „wie ebenso“ ein „als auch“ (S.209) usw. usf.
Was davon ist noch die Freiheit des Herausgebers und wo beginnt die Textmanipulation? Die Herausgeber im Auftrag der Leo Kofler-Gesellschaft sind jedenfalls mit ihren Eingriffen nicht so freizügig wie Pitsch und Co. Und als sie jüngst Koflers Schrift Perspektiven des revolutionären Humanismus neu herausgaben, haben sie zumindest vermerkt, dass sie „sich im Sinne besserer Lesbarkeit auch die Freiheit genommen (haben), das eine oder andere Satzzeichen Koflers anders zu setzen“. Der selbsternannte Kämpfer gegen Textmanipulationen und Fälschungen jeder Art hat dagegen offensichtlich kein Problem damit, Kofler-Texte selbstherrlich zu verändern. Mal erweitert er einen von Kofler angeführten Ausschnitt aus einem literarischen Text. Und mal ist es weniger harmlos – zum Beispiel dort, wo Kofler auf Marxens berühmten Begriff vom „realen Humanismus“ verweist und es in der von Pitsch besorgten Fassung hinter dem als Zitat gezeichneten Begriff plötzlich weitergeht mit einem „d.h. Kommunismus“ – natürlich ohne Kennzeichnung des Eingriffs und ohne Anführungszeichen (S.79). Ja, wir wissen, dass damit „nur“ das Marx-Zitat erweitert wurde, aber warum hat dies wohl Kofler damals nicht so erweitert, und warum wurde dies heute nicht ausgewiesen? Was ist dies anderes als eine sinnentstellende Textmanipulation, respektive: Fälschung? Zumal eine, die „ausschließlich ideologisch motiviert“ ist, da Pitsch und Co. mit der Koflerschen Betonung des Humanismus so ihre Probleme haben – dazu gleich mehr.
Soviel hier zur Form, in der Pitsch und Co. mit dem Koflerschen Erbe, seinen Schriften, umgehen. Doch wie steht es mit dem Inhalt dieses Erbes? Welche Auswahl wird hier getroffen und wie wird diese inhaltlich kommentiert?

Ein repräsentativer Querschnitt?
Es solle mit dem Buch, so der Klappentext, „ein repräsentativer Querschnitt durch Koflers Schaffen geboten“ werden. Aber gibt es denn keinen solchen repräsentativen Querschnitt? Natürlich. Den letzten habe ich im Auftrag der LKG im Jahre 2000 im Hamburger VSA Verlag herausgegeben: Leo Koflers Zur Kritik bürgerlicher Freiheit. Ausgewählte politisch-philosophische Texte eines marxistischen Einzelgängers. Und auch wenn das Buch mittlerweile im Buchhandel vergriffen ist, so vertreibt die LKG noch immer Restexemplare dieser Auflage. Warum legt man nicht einfach diesen Band neu auf, was ist gegen ihn auszusetzen? Herrn Dornufs wirre Meinung kennen wir, doch Herr Pitsch belässt es hier bei kryptischen Andeutungen im Dornufschen Sinne. Ganz schweigt er über das von der LKG im April 2007 im Neuen ISP-Verlag neu aufgelegte Kofler-Buch Perspektiven des revolutionären Humanismus. Er hat hier offensichtlich nichts vergleichbar Verwertbares gefunden wie bei der 2004 von Werner Seppmann in eigener Regie herausgegebenen Neuauflage von Koflers Geschichte und Dialektik (Essen: Neue Impulse Verlag 2004) – bei der Pitsch die dort von Seppmann in einem eigenen Nachwort vorgelegte Interpretation des Koflerschen Werkes nicht gefällt. Oder hat er es gar nicht zur Kenntnis genommen? Zur Kenntnis scheint er dagegen genommen zu haben, dass ich, ebenfalls im April 2007 und erneut im VSA-Verlag, eine umfangreiche Studie zu Leben und Werk Leo Koflers vorgelegt habe, durchaus auch ein „Querschnitt durch Koflers Schaffen“. Doch Pitschens diesbezügliche Ressentiments belegen vor allem, dass er es nicht gelesen hat.
Vergleicht man die Greifbarkeit von Koflers Schriften mit der anderer Vordenker der Linken, bspw. Adorno, Marcuse oder Abendroth, sieht es für die ersten beiden Fälle schlecht, für den letzteren nicht ganz so schlecht aus. Doch natürlich ist die Kofler-Gesellschaft der Meinung, dass es ruhig etwas mehr sein könnte.
Ist aber das von Pitsch und Co. vorgelegte Werk „repräsentativer“? Da fängt natürlich die Interpretation schon an. Wofür steht denn Leo Koflers Werk? Pitsch lässt seine Leserschaft weitgehend im Unklaren darüber. Meines Erachtens – und wohl auch in den Augen der meisten Mitglieder der Leo Kofler-Gesellschaft und vieler anderer Kofler-Kenner – steht Koflers Werk für ein besonderes Marxismusverständnis und für besondere Beiträge zur Geschichte und Geschichtsphilosophie der bürgerlichen Gesellschaft; für herausragende Beiträge zur Soziologie und Kritik des spätbürgerlichen Sozialstaates; für eine spezifische Kritik der Linken in ihren drei Hauptströmungen (Sozialdemokratie, Gewerkschaften und Kommunismus) und, daraus abgeleitet, für eine spezifische Konzeption der Neuen Linken (Koflers Theorie der progressiven Elite); und nicht zuletzt für originelle Beiträge zur marxistischen Ästhetik und Anthropologie.
Der VSA-Band von 2000 hat sicherlich nicht alle, wohl aber die zentralen Beiträge Koflers zu den genannten Themen geliefert (mit Ausnahme der Arbeiten zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, was extra vermerkt und begründet wurde). Wie sieht es dagegen für den Karolinger-Band aus? Man mag über die Auswahl zu den einzelnen Themen streiten. Wenn man nicht nur Repräsentativität anstrebt, sondern gleichermaßen auch, wie der Klappentext verkündet, „ausschließlich bisher nicht in Buchform gesammelte Aufsätze und Rezensionen, darunter drei Erstveröffentlichungen aus dem Nachlass“ vereinigen möchte, ist eine gewisse Belanglosigkeit mancher Beiträge wahrscheinlich fast programmiert. Da wird dann auch schon mal eine Rezension Koflers nachgedruckt aus dem „alleinige(n) Grund“, dass sie auch in der von der LKG posthum erstellten und intern hektographierten Bibliografie nicht auftauche (S.198f.), also, so die Suggestion, offensichtlich bewusst unterschlagen werde. Schade für Pitsch ist nur, dass er zwar heftig über meine umfangreiche Studie zu Leben und Werk Leo Koflers in Rage gerät – sie sei nicht mehr als „ein Stück Journalismus“, eine „Hagiographie“, und „(w)enig verkauft sich heutzutage besser als eine ‚gut geschriebene’ Biografie“ (S.10 &18) –, sie aber zu lesen nicht fähig scheint. Dann wäre ihm nämlich aufgefallen, dass in dem dort veröffentlichten, bisher umfangreichsten Schriftenverzeichnis die besagte, angeblich gezielt verschwiegene Rezension aufgeführt wird.
Nebenbei: Dass auch diese neueste Bibliografie der Koflerschen Schriften wahrscheinlich noch zu ergänzen sein wird – Pitsch selbst hält es nicht mal für nötig, in dem von ihm herausgegebenen Band auch nur die wichtigsten Hauptwerke von Kofler aufzuführen… –, hat eben mit den spezifischen Lebensumständen Koflers zu tun, die ich in der Einleitung meiner Biografie geschildert habe. Dort findet sich auch eine Anmerkung (auf S.21), in der ich darauf hinweise, dass erschwerend hinzukomme, „dass Teile des Koflerschen Nachlasses noch zu seinen Lebzeiten bei unterschiedlichen ‚Schülern’ ausgelagert wurden, von denen einige mir die Einsicht oder die Rückgabe an die Leo Kofler-Gesellschaft e.V. verweigert haben“. Habe ich mich damals noch gescheut, Namen zu nennen, um den Betreffenden die Möglichkeit zu eröffnen, sich „zu läutern“, so kann ich nun feststellen, dass hiermit v.a. jener Stefan Dornuf gemeint war, der nun meint, sich mithilfe von „Erstveröffentlichungen aus dem Nachlass“ Koflers, und im Verbunde mit seinem kauzigen Kameraden Pitsch, einen Namen machen zu können.
Und was sind das für „Erstveröffentlichungen“, die der neue Band bietet? Zum einen die (nicht redaktionell gekürzte und bearbeitete) Erstfassung einer Rezension, die Kofler 1977 im Spiegel veröffentlicht hat; zum zweiten die Abschrift eines Radiovortrages (beide Manuskripte befinden sich auch im Besitz der LKG – zudem in von Kofler zum Teil stark bearbeiteter Fassung…); zum dritten schließlich ein auch uns bisher unbekannter, angeblich Anfang 1991 geschriebener Entwurf eines Lexikon-Artikels, der, wie es scheint – man höre und staune –, über Reinhold Oberlercher an Horst Mahler (s.o.) geraten ist, und dessen Abdruck hier „mit freundlicher Genehmigung von RA Horst Mahler (erfolgt)“…
Herumzugehen, sich als Schüler und Vertrauter Koflers auszugeben und bei ehemaligen Weggefährten und Bekannten Koflers um alte Texte und Dokumente zu betteln, sie der LKG bewusst vorzuenthalten (wie all dies Stefan Dornuf auch in anderen Fällen nachweislich getan hat), nennt man wohl Erbschleicherei und Intrigantentum.

Inhaltliche Leerstellen
Doch zurück zur thematischen Auswahl der Texte im Karolinger-Band. Was man dort vergeblich sucht, sind Texte zum Koflerschen Antistalinismus, zur Kritik des bürokratischen Sozialismus. Dafür, dass dieses Thema eine der tragenden Säulen des Koflerschen Werkes war und dafür, dass sich Pitsch und Co. in ihren Selbsterbauungskommentaren permanent an demselben reiben, ist dies eine auffallende Leerstelle. Warum also kein Aufsatz zu Koflers Haltung zum Realsozialismus, sprich: zu seinem Antistalinismus? Wo doch derselbe, in den Augen von Pitsch und Co., schlicht „illusionär“ war und Kofler die dortigen realsozialistischen Verhältnisse im westlichen, d.h. bürgerlichen Sinne, kritisiert habe. Ja mehr noch, Kofler habe hier kritisiert, was nicht zu kritisieren war, denn geschichtsphilosophisch sei der Stalinismus durchaus gerechtfertigt gewesen (S.19). Pitsch bezieht sich bei dieser offenen Apologie des historischen wie des politisch-theoretischen Stalinismus positiv unter anderem auf einen seiner intellektuellen Bezugspunkte, auf Arnold Gehlen. Dessen Begrüßung der sowjetischen militärischen Niederschlagung des „Prager Frühlings“ nennt Pitsch „unbestechlich konsequent“ (S.225). Und gleich im Anschluss zieht er gegen Kofler auch noch den „Lukácsianer“ Werner Hofmann ins Gefecht, der den sowjetischen Überfall auf die Tschechoslowakei ebenfalls gerechtfertigt hat – zu Recht, so Pitsch, da „der Kreis um Dubcek“ eine auf „das Ost/West-Kräfteverhältnis (…) objektiv destabilisierende Wirkung habe und als anti-sozialistisch einzustufen sei“ (S.225). Koflers Hoffnungen auf Entstalinisierung seien dagegen einzig aus dessen Lebensgeschichte her psychologisch verständlich, während doch die wirkliche Alternative nicht die eines halben oder eines ganzen Sozialismus war, sondern „die, statt eines halben Sozialismus gar keinen zu haben“ (S.19).
Was man im Karolinger-Band ebenfalls vergeblich sucht, ist, dies zum zweiten, ein Beitrag zu Koflers Theorie der progressiven Elite, ohne die Koflers politisch-theoretische Biografie und sein originärer Beitrag zur Zeitgeschichte und zur politischen Theorie des Marxismus meines Erachtens nicht zu verstehen sind. Bei Pitsch sträuben sich hier jedoch die Nackenhaare und er muss gleichsam ausspucken bei Koflers „Ausrufung einer ominösen ‚progressiven Elite’“, denn „die Bezeichnung allein (ist) schon ein Freibrief für Allerweltsverbesserer jedweder Couleur, freudig erregt ‚Hier!’ zu schreien“ (S.41). Nach dem Antistalinisten Kofler wird so auch der originelle, leider weitgehend verdrängte Vordenker der Neuen Linken (denn um nichts weniger geht es bei der Koflerschen progressiven Elite) in neudeutsch-zynischer Herrschaftsideologie entsorgt: „Charakterlich arglos, verkannte Kofler völlig den Zweck der ganzen Übung genannt ‚Neue Linke’, nämlich eine vom schlechten Gewissen der zumeist Nazi-Väter profitierende Pöstchenbeschaffungsmaschinerie zu sein“ (S.54). Vor diesem Hintergrunde scheint sich dem Herausgeber offensichtlich zu verbieten, das lesende Publikum mit einem Original-Text Koflers zum Thema noch weiter zu verwirren.
Zum dritten: Was Pitsch und Co. dagegen nicht müde werden lässt, bei Kofler als „treffsicher“ (S.41) zu lobpreisen, ist Koflers Versuch einer anthropologischen Grundlegung der marxistischen Theorie, die mit einem zentralen Text in dem Band vertreten ist. Doch so wirklich treffsicher, sprich: richtig lag Kofler auch hier offenbar nicht, denn das, was Pitsch selbst zur Anthropologie ausführt, hat bemerkenswert wenig mit Koflers Ansatz einer marxistischen Anthropologie zu tun. Anders bspw. als es bei Kofler zu lesen wäre, gehören Unterdrückung und Ausbeutung für Pitsch und Co. „zum Wesen jeder höheren Kultur – diesen unbequemen theoretischen Pfad zu betreten, musste Kofler sich allerdings im Anschluss an Marx versagen“ (S.42). Und wenn Kofler über die anhaltende Wirkmächtigkeit der alten Idee eines Urkommunismus als Indiz für entsprechend radikale Bedürfnisse der Menschheit philosophiert – ein zentrales Element von Koflers Anthropologie –, so sei dies ein typischer Fehler des „linken“ Kofler (die Anführungszeichen stammen von Pitsch!), denn: „Man mag sich an derlei Zuständen erfreuen oder aber ihre Beschränktheit bedauern – logisch-historisch folgt aus ihnen nichts. Es hat sie gegeben, und das war’s.“ (S.112) Pitsch hält es dagegen mehr mit Arnold Gehlen, der aus seinen „hochgradig optimistischen Prämissen – der Mensch als Mängelwesen – zu extrem fatalistischen Schlüssen gelangt (Institutionen wie der Staat als finales Bollwerk vor der kompletten Erosion der Gesellschaft durch ‚progressive’ und sonstige, Begehrlichkeiten anmeldende ‚Eliten’); eben weil er ein kompromissloser und unbestechlicher Beobachter seiner = unserer Verfallszeit war“ (S.112). Nicht also die Koflersche Anthropologie wird hier bei näherem Hinsehen gelobt und betont, sondern einzig die Koflersche Betonung der anthropologischen Thematik selbst, die dann als Überleitung zur Gehlenschen Anthropologie interpretiert und schließlich neudeutsch-zynisch weiter entwickelt wird.
Diese Methode ist auch sonst ausgesprochen typisch für die überwiegend anekdotenhaften Kommentierungen Koflerscher Theoreme und Thesen durch Reinhard Pitsch. Bertolt Brecht bspw., für Kofler bereits seit den 1950er Jahren (!), eine der wenigen zentralen Bezugspersonen, war, O-Ton Pitsch „vielleicht nicht der große Denker, für den ihn die ‚Lukács-Schule’ einhellig [einhellig?; CJ] hielt“ (S.12), schließlich habe der späte Brecht nur „Gewerkschaftsstücke“ geschrieben, wie Pitsch den Literatur-Zyniker Peter Hacks zustimmend zitiert und gleich noch ein „Gutmenschentum“ hinterher wirft (S.251).
Es wimmelt geradezu von Distanzierungen jeder nur erdenklichen Art. Koflers Heraklit-Bild, heißt es einmal, sei „von entschlossener Einseitigkeit“ (S.72). Koflers Kritik an Nicolai Hartmann – einer der anderen intellektuellen Bezugspersonen von Pitsch und Co. – ist natürlich „völlig haltlos und aus der Luft gegriffen“ (S.25), gleichsam das Missverständnis eines Soziologen gegenüber einem Philosophen (S.26). Koflers Schelsky-Kritik verkenne die Stoßrichtung Schelskys: „Obwohl die Positionen von Kofler und Schelsky deutlich verschieden waren, lagen sie doch andererseits nicht so weit auseinander, wie beide Lager glauben machen mochten“ (S.224). Überhaupt mache Kofler im Eifer des Gefechtes „zu viele Konzessionen und formuliert auch zu ungenau“ (S.250). Ein anderes Mal heißt es bei Pitsch: „Wie so oft meint Kofler ungefähr das Richtige, drückt sich aber, gelinde gesagt, schief aus.“ (S.110) Und mal spricht er von einem Kofler-Text als einem „Dokument ziemlicher Ratlosigkeit“ (S.54). Im Grunde, so Pitsch gleich zu Beginn im Vorwort, sei Kofler ein Gesellschaftstheoretiker mit nur beschränkter Geltung, denn „man mag füglich bezweifeln, ob er dieser anspruchsvollen Bezeichnung [des Gesellschaftstheoretikers; CJ] mehr als ein halbes Dutzend Mal gerecht geworden ist; doch würde das schon genügen, um ihn zu lesen.“ (S.10)
Selbst vor Angriffen auf die Persönlichkeit Koflers macht Pitsch nicht halt und bezeichnet Kofler als Mann der „robuste(n), ungeschliffene(n) Geradlinigkeit“ (S.9), als Mann einer „oft polternde(n) Intelligenz“ und mit einem „von seiner Unschuld her(rührenden)“ Charme und einem „eher derben Humor, der für Ironie, gar Selbstironie wenig Platz ließ“ (S.9) – so muss eben schreiben, wer Kofler nur von dessen Schriften kennt. Und all dies aus der Feder von jemandem, der zum letzten verzweifelten Kampf gegen eine Bande von heruntergekommenen Schändern des Angedenkens von Leo Kofler meint blasen zu müssen – das ist schon wirklich kurios. Doch noch immer nicht alles.
Auch mit Koflers Entwurf eines sozialistischen Humanismus, also mit dem, was die theoretische Klammer des Koflerschen Lebens und Werkes bildet (und innerhalb dessen der Koflersche Antistalinismus und seine Theorie der progressiven Elite, sprich: der humanistischen Avantgarde, nur Teilaspekte sind), haben Pitsch und Co. so ihre Schwierigkeiten. Zeitlebens hielt Kofler daran fest, dass es möglich ist, unter bestimmten Bedingungen die sich in der spätbürgerlichen Klassengesellschaft zuspitzende Entfremdung des Menschen von sich selbst und von anderen aufzuheben. Diese ebenso sozialistische wie marxistische Zielidee, könnte man ihn zusammenfassen, sei zwar nicht alles, aber ohne diese allgemeinmenschliche (und d.h. humanistische) Emanzipationsperspektive sei alles nichts.
Pitsch und Co. sehen das offensichtlich anders. Denn die herrschende (Selbst-)Entfremdung der Menschen, so Pitsch en passant, „vermag nicht mehr, wie bei Hegel, versöhnt, sondern nur noch kompensiert zu werden“ (S.54) – nämlich durch Konsum oder freiwillige Askese. Einen Satz später, und in direktem Anschluss an Arnold Gehlen, erweitert er diese Erkenntnis ins Gegenteil und schreibt, dass die Entfremdung doch aufgehoben werden könne „– nämlich via Rücknahme der Freiheit, durch neue Ein-Ordnung, durch Ge-Bundenheit“ (S.14)! Diese klassisch neokonservativ-reaktionäre Sichtweise zieht sich durch: „Wenn die Gesellschaft zum Selbstbedienungsladen, zum Saustall (Heidegger) geworden ist, der nur noch Rechte, aber keine Pflichten mehr kennt, muss ‚der für alle verantwortliche Staat’ (Kofler) eingreifen und vernünftigen Zwang ausüben.“ (S.55) Die herrschende Entfremdung sei unauflöslich verbunden mit der Arbeitsteilung und entsprechend ein Produkt moderner Demokratien (S.112). Der Kampf gegen die Entfremdung sei deswegen purer Unsinn, nicht mehr als der Kampf um eine Humanisierung der Arbeitswelt, bei dem man „einfach so (tut), als ob die Malocher Menschen wären“ (S.147). Darin, dass Kofler, Lukács u.a. die vorherrschende Manipulation als nicht allmächtig ansahen, sieht er eine „Selbsttäuschung“, der auch „marxistischere Geister als er [Kofler] (…) anheim gefallen sind“ (S.147). Und um noch deutlicher zu werden, schreckt Pitsch im ewigen Kampf gegen die „Gutmenschen“ (S.147) auch vor der geschichtsphilosophischen Rechtfertigung von Kinderarbeit nicht zurück (S.194).
Nur konsequent und ehrlich ist – wenn auch wohl kaum mit dem sozialistischen Humanisten Kofler vereinbar, der solcherart Denken und Reden als Ausfluss eines dekadenten Nihilismus bezeichnet hätte –, wenn sich Pitsch zu seinen wahren Vordenkern bekennt: „Goldrichtig liegt auch der neoliberale mainstream, wenn er die Unvereinbarkeit von Freiheit und Sozialismus behauptet: Schickt letzterer sich an, halbwegs real zu werden, kann er schlechterdings nicht umhin, zwecks Vermeidung der ‚Risikogesellschaft’ die Bevormundung seiner Schutzbefohlenen bis ins Erwachsenen-, ja ins Greisenalter hinein auszudehnen“ (S.226).
Von hier aus sind auch die häufigen, das Buch wie einen roten (Entschuldigung: braunen) Faden durchziehenden anti-linken Ausfälle zu verstehen: Die Lukács-Schule im allgemeinen „und Kofler insbesondere“ wandelten „noch überwiegend auf vom Versprechen des sozialistischen Morgenrots gnädig lichtdurchfluteten Fluren“ (S.85); Sozialismus und Demokratie hätten nichts mit Revolution und Kommunismus gemeinsam (S.193) und Lukács, Harich, Bloch & Kofler seien keine demokratische Sozialisten gewesen, sondern „Kommunisten“, „egal, was ihre Frauen davon halten mochten“ (S.9); „ein kluger Kopf (also offensichtlich kein Linker)“ (S.251); Alle Linken sind nur Liberale, so wie „im Deutschen Bundestag (nicht: in einzelnen Landtagen [sic]), von der CSU bis zur PDS, ausschließlich liberale Parteien vertreten (sind), zwischen denen es lediglich Grad-, nicht jedoch Artunterschiede gibt“ (S.227, Hervorhebung: RP); Es werde „gern vergessen, dass Marxens wichtigste Gegner zu Lebzeiten (…) allesamt Linke der verschiedenen Schattierungen waren, von der sozialreformerischen bis zur anarchistischen Spielart (fürwahr, es gibt nichts Neues unter der Sonne…)“ (S.192); Die Linke „(hat) ebenso wenig mit Marx zu tun wie die CDU mit Konservatismus“ (S.195).

War Leo Kofler ein „nationaler Sozialist“?
So rundet sich langsam aber sicher das Bild von der Herausgebergruppe, ihrer Weltanschauung und ihren Intentionen. Hier soll ein marxistischer Gesellschaftstheoretiker und revolutionär-sozialistischer Humanist zum konservativen Kulturkritiker und zynisch-elitären Anti-Linken umstilisiert und für die zeitgenössische ultrarechte Ideologieproduktion aufbereitet werden. Und auch vor dem letzten hierzu notwendigen Schritt schrecken die Herausgeber nicht zurück – vor der Umdeutung Koflers zu einem National-Sozialisten.
Integraler Teil, ja geradezu Gipfelpunkt der Fälscherarbeit der federführenden Mitglieder der Leo Kofler-Gesellschaft sei nämlich, dass wir, so Pitsch, den Beweis für Koflers „Hinwendung zur Nation“ (S.12), einen 1987 auch als Broschüre erschienenen Vortrag, den dieser auf Einladung der Stadt Nienburg zum 17.Juni, dem „Tag der deutschen Einheit“, gehalten hat, „systematisch verschwiegen“ und nicht weiter vertrieben hätten.
Schon auf der reinen Faktenebene ist dazu zu sagen, dass dies nicht stimmt. Vertreiben kann man nur etwas, was man zur Verfügung hat, und dass wir die Schrift auch nicht verschwiegen haben, lässt sich den diversen Bibliografien der LKG entnehmen. Dass wir das Thema auf einer öffentlichen Tagung der Gesellschaft im Jahre 2000 sogar intensiv diskutiert haben, hätte schließlich auch Reinhard Pitsch wissen können, wenn er es denn gewollt hätte.
Doch um was geht es hierbei der Sache nach? Leo Kofler hat, wie uns Pitsch zu berichten weiß, auf Einladung eines beruflich ins Stadtarchiv Nienburg gewechselten ehemaligen Mitarbeiter des linken VSA Verlages, in welchem Kofler seit Anfang der 1980er Jahre seine Bücher veröffentlichte, einen Vortrag über „Die Nation – Zukunft und Verpflichtung. Der friedliche Kampf zwischen Ost und West – Perspektiven der deutschen Nation im Lichte der jüngsten Entwicklung in der Sowjetunion“ gehalten. Den inhaltlich genaueren Untertitel (aus dem die damaligen Herausgeber schlicht „Gedanken zum Tag der deutschen Einheit“ gemacht haben) verschweigt uns Pitsch hierbei ebenso wie das, worum es in dem Vortrag eigentlich und überwiegend geht, denn interessanterweise ist ausgerechnet dieser Kofler-Beitrag der einzige im ganzen Karolinger-Buch, der nur in Auszügen veröffentlicht wird. Und selbst dies ist ein Euphemismus, denn es werden gerade einmal drei Absätze eines 11 Druckseiten umfassenden Aufsatzes dokumentiert, und zudem zwei dieser Absätze nicht einmal als ganze. Als ob dies noch nicht genügen würde, wurde der Text schließlich auch noch montiert, d.h., dass hier anderthalb Absätze, die sich am Anfang des Vortrages finden (in der Broschürenfassung auf Seite 10) ein halber Absatz vorangestellt wird, der sich am Ende des Vortrages (in der Broschürenfassung auf Seite 18) wieder findet – ohne dass Pitsch und Co. diese Textmanipulation kenntlich machen würden!
Man bedenke hier, dass der solcherart manipulierte und verfälschte Kofler-Text immerhin der einzige Text ist, der den Herausgebern sowohl als Rechfertigung des programmatischen Titels des gesamten Werkes (Nation – Klasse – Kultur) wie als intellektueller Brückschlag zum Karolinger-Verlag dient. Schauen wir also noch genauer hin. Worum geht es in den auszugsweise dokumentierten Absätzen und im Kofler-Vortrag als ganzem?
In den zwei letzten Absätzen (im Original also in den anderthalb Absätzen, die zuerst kommen) beschreibt sich Leo Kofler selbst als „Utopist“, der von einem unveräußerlichen Recht auf nationale Einheit spricht und dies auf den deutschen Sprachraum ausweitet, also auch auf „die durch die deutsche Geschichte selbstverschuldete Abspaltung Österreichs und vielleicht gar der deutschen Schweiz“, und davon spricht, dass diese zukünftige Einheit „in der künftigen Ordnung des Menschengeschlechtes zur Verwirklichung kommen wird, wenn auch möglicherweise aufgehoben in einem größeren System. Ganz ähnlich vollzieht es sich ja in der Geschichte anderer Völker.“ (Der letzte Satz wurde von Pitsch und Co. weggelassen). In alter Tradition der sozialistischen Arbeiterbewegung bekennt sich Kofler hier also zum Recht auf nationale Einheit, dehnt diese jedoch gegen den damals allein auf die Einverleibung der DDR gerichteten revanchistischen Zeitgeist Westdeutschlands auf Österreich und die deutsche Schweiz aus, und betont zudem, dass dies wohl eher Zukunftsmusik sei und im konkreten Falle aufgehoben werde in einem größeren, also über Deutschland hinausweisenden System (womit in linker, sozialistischer Tradition nicht der deutsche Drang nach Osten, sondern die europäische Vereinigung gemeint sein dürfte). Pitsch und Co. geben dem nun eine gänzlich andere Stoßrichtung, indem sie aus dem entgegengesetzten Ende des Vortrages einen Teilabsatz herauslösen und – wie gesagt: ohne Kenntlichmachung ihrer Textmanipulation – den anderen beiden Absätzen voranstellen, in welchem Kofler am Beispiel von Kurt Biedenkopf und anderen über den intellektuell heruntergekommenen Konservatismus der 1980er Jahre spricht, dem er den alten Konservatismus entgegenstellt, sprich: „Arnold Gehlen, Freyer, Kesting, Othmar Spann und andere“, für die „konservativ bleiben (hieß), sich auf der Linie des Fortschritts bewegen zu einer immer größeren Vollendung nationaler Einheit und nationaler Kraft“.
Was mit der Montagetechnik von Pitsch und Co. so aussieht, als ob Kofler hier einem traditionellen, rechtskonservativen Großdeutschland das Wort reden würde, erweist sich demjenigen, der den Aufsatz als ganzen und in seinem historisch-intellektuellen Zeitkontext liest, als gänzlich anders gerichtet. Kofler versucht hier, seinen damaligen Gorbatschowismus zu popularisieren – denn davon handelt der größte Teil seines Vortrages – und seine überwiegend konservative Zuhörerschaft darauf hinzuweisen, dass der wirkliche Konservatismus in seinen Augen weniger mit Revanchismus als mit einer sozialen Fortschrittsidee zu tun habe, die er zu jener Zeit in einem entstalinisierten Realsozialismus Sowjetrusslands (nebenbei: nicht der DDR!) verkörpert sah. Deswegen führt er auch in dem von Pitsch und Co. unterschlagenen Teil des ersten Absatzes (der also im Vortrag selbst sich am Ende befindet) aus, „dass Nation und nationale Einheit verpflichten. Sie verpflichten zu sozialen Reformen, zu gesellschaftlichem Fortschritt und vor allem zu einer Kultur, die den Menschen in die Lage versetzt, das zu verwirklichen, was die Grünen so phrasenhaft und unreflektiert ‚Basisdemokratie’ nennen“.
Nationales Denken verpflichtet also für Leo Kofler nicht zu chauvinistischem Nationalismus und anti-linker Überheblichkeit, sondern zu sozialen Reformen und humanistischer Kultur. Hier liegt der jüdische Marxist und revolutionäre Humanist Kofler also offensichtlich näher an den von Pitsch und Co. so genüsslich denunzierten linken „Gutmenschen“ und Humanisierern von Arbeits- und Lebenswelt, als an jenem zynisch-nationalistisch-antisemitischen Reaktionär Pitsch, der seinen politisch-intellektuellen Bezugspunkt nach langer Odyssee in Gehlen, Freyer, Kesting und Spann gefunden hat. Denn bei diesen vier von Kofler Genannten handelt es sich für Pitsch, wie er freimütig schreibt, „um hochgradig reflektierte Konservative qua Re-Aktionäre, wenn man als Aktion die in der Französischen Revolution kulminierende Aufklärung begreift, die, da sie dank ungehemmter Diskussion in Chaos auszuufern droht, mit illiberalem und antiemanzipatorischem Schwung zurückgeschraubt werden soll auf vorbürgerliche Zu-Stände: ‚In einer Hierarchie hat jeder Platz, in der Demokratie nicht’ (Günter Maschke). Angestrebt wird also gerade die Aufhebung der Gesellschaft im Staat statt umgekehrt, wie noch bei der Hegel-Kritik des jungen Marx.“ (S.196) Das hat weder etwas mit Leo Kofler noch mit Karl Marx zu tun – auch nicht viel mit einer bürgerlich-humanistischen und radikal-demokratischen Tradition, die Kofler mit Verve und Zeit seines Lebens als eine historische Errungenschaft der Menschheitsgeschichte verteidigt hat (ohne in der Kritik an jenen nachzulassen, die dies bereits zum Endzustand der Geschichte ideologisieren).
Dass Leo Kofler „die ‚deutsche Frage’ nicht in Ruhe gelassen“, „ja (…) ununterbrochen beschäftigt und gequält“ (S.197) habe, ist schließlich nur eine weitere kuriose Behauptung, die Reinhard Pitsch nicht zu belegen vermag. Ja, Deutschland und die „deutsche Frage“ haben Kofler sicherlich nicht in Ruhe gelassen und ununterbrochen beschäftigt, seit ihm der deutsche und österreichische Faschismus die rote Hoffnung seiner Jugend zerstört hat; seit er vor den antisemitischen und antilinken Braunhemden in die Schweiz flüchten musste und den Großteil seiner gesamten Familie im Holocaust verlor; seit er – „der euphorisch aufbauwillige Gut-Gläubige“, wie ihn Pitsch in diesem Zusammenhang ohrfeigt (S.117) – aus der sich sozialistisch nennenden frühen DDR ohne Hab und Gut vertrieben wurde und sich im restaurativen Nachkriegswestdeutschland mehr schlecht als recht über Wasser halten musste usw. usf. Zu einem deutschen Nationalisten und intellektuellen Lumpen hat ihn dies aber nie gemacht.

Nochmal: Warum das Buch?
Wir haben es also bei dem hier besprochenen Buch nicht nur mit dem Produkt eines rechtswidrigen und publizistisch unanständigen Vorgehens zu tun, sondern auch mit einem an den Haaren herbeigezogenen, politisch-intellektuellen Rufmord an Leo Kofler selbst ebenso wie an den in der Leo Kofler-Gesellschaft versammelten Weggefährten und Freunden.
Und hinter den oftmals reichlich wirren (weil sich gerne orakelhaft gebenden) Kommentaren eines scheinbar exzentrischen Herausgebers und seiner Erbschleicherbande verbirgt sich eine ebenso reaktionäre wie herrschaftliche Logik der Form wie dem Inhalte nach. Hier versucht sich ein Schlechtweggekommener – eigentlich sind es derer mindestens zwei – mit den Federn eines großen Mannes zu schmücken, um in einem Milieu zu landen, das bekannt dafür ist, ex-linken Renegaten egal welchen Niveaus mit wohlwollender Nachsicht zu begegnen, weil man sie zur geistigen Wehrertüchtigung der eigenen, hohlköpfigen Reihen gut gebrauchen kann. Pitsch will sich offensichtlich als ein solcher untertänig anbiedern. Zu diesem Zwecke vollführt er seine hier exemplarisch vorgestellten Kabinettstückchen und beruft sich dabei auf das vermeintliche Recht einer „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ (S.12).
Ob es jedoch Pitsch und seinen Kameraden gelingen wird, auf dem ihnen von Günter Maschke gewiesenen Wege zu wandeln – d.h.: mittels kommentierter Edition sozialwissenschaftlicher Klassiker trotz unverblümten Rechtsradikalismus auch in der etablierten Wissenschaft ernst genommen zu werden –, darf bezweifelt werden. Nichts desto trotz ist ihnen dieses im Falle Wolfgang Harichs bereits partiell gelungen. Und es passt eben in unsere Zeit der Umwertung aller Werte.
Es wird Zeit, sich dagegen zu wehren. Leo Kofler hat es nicht verdient, von einem Häuflein Schlechtweggekommener für die Zwecke eigener Reputierlichkeit vereinnahmt zu werden, die ihn zu diesem Zweck obendrein noch zurechtstutzen ad usum reactionaris! Hände weg von Leo Kofler!

Christoph Jünke
Vorsitzender der Leo Kofler-Gesellschaft e.V., Februar 2008

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