Die progressive Elite und ihr Verhältnis zur Kunst Bert Brechts [1957]

Zwei hauptsächlich auftretende Ansichten pflegen miteinander im Streite zu liegen, wenn es um das Wesen der Elite geht: die moralisierende und die soziologisierende.

Die moralisierende wertet nach ethischen und geistigen Maßstäben und hat es daher schwer, die Existenz von Eliten in der Geschichte aufzuweisen. Verbleibt man bei der neuesten Geschichte, so lässt sich sagen, dass es bis etwa zur Zelt des ersten Weltkrieges und nur teilweise darüber hinaus zwei Formen einer solchen Elite gegeben hat, eine nicht sehr ansehnliche Schicht bürgerlicher Liberaler und das politische Volkstribunentum der Arbeiterbewegung. Beide sind inzwischen vom Strome der allgemeinen bürgerlichen Dekadenz in der Epoche des Imperialismus zermalmt worden und verschwunden, so dass Sieburg (in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17.7.1957) resigniert feststellen muss, dass es heute gar keine Elite mehr gebe.

Die soziologisierende Ansicht dagegen verleugnet zwar nicht die Notwendigkeit eines gewissen geistigen Hochstands, kümmert sich aber um moralische Wertungen wenig. Der Hauptsache nach kommt es ihr auf die Feststellung des Besitzes von Macht und von sichtbar oder unsichtbar die Gesellschaft beaufsichtigenden und führenden Funktionen an. „Mit dem Ausdruck der Elite“, sagt z.B. Leopold von Wiese, möchte er nicht in wertendem Sinne „die Vorhut der Menschheit, die wahrhaft Edlen verstanden wissen, sondern die mit Vorrechten Ausgestatteten, Privilegierten, sozial Mächtigen, die Führenden, tatsächlich Leitenden“. Es sind dies die „im Hintergrunde bleibenden, wahrhaft dirigierenden und leitenden Elemente“, die „mehr oder weniger geheimen Initiatoren“ (was den kindlich-naiven und deshalb auch dem bürgerlichen Einfluss unterlegenen „Führern“ der SPD ins Tagebuch geschrieben sei).

Eine solche Elite gibt es in unserer Zeit allerdings, aber sie ist, wie anderenorts ausführlich dargelegt, nichts als die Inkarnation der kapitalistischen Dekadenz und Entfremdung, was sich bis in die letzten Winkel Ihrer Existenz auswirkt und sehr komplizierte ideologische und charakterliche Widersprüche hervorbringt.

Es ist deshalb eine große Frage, ob man bei dieser Schicht überhaupt noch von einer Elite sprechen kann, da die mit der Dekadenz verbundene Tatsache des Missbrauchs der Macht und der demokratischen Einrichtungen, die durch tausenderlei Einfluss ausgeübte Funktion des Festhaltens der Massen im Zustande der Entfremdung und die damit zusammenhängende moralische und geistige Selbsterniedrigung dem gängigen Begriff der Elite ins Gesicht schlagen.

Vom Standpunkt der sozialistischen Theorie muss zwar am soziologischen Begriff der Elite festgehalten werden. Aber es genügt keine formalsoziologische Bestimmung, sondern die totale Gesetzlichkeit des Geschichtlichen selbst hat zu entscheiden, was unter einer wirklichen Elite zu verstehen ist. Dabei ergibt sich (ohne dass wir das hier des näheren begründen können), dass, welche Anforderungen moralischer oder geistiger Natur sonst an die Elite gestellt werden müssen, sie sich in jedem Falle als Elite zu erkennen gibt durch ihre gesellschaftliche fortschrittliche Funktion.

Auch umgekehrt lässt sich sagen: Eine Elite, die ihr Augenmerk nicht auf das Ganze menschlichen Seins, auf die daraus entspringenden wahren und das heißt humanistischen Bedürfnisse richtet, die nicht versteht, dass diese Bedürfnisse nur in einem stets grundlegend neue Qualitäten sozialen Seins erzeugenden Prozess des Fortschritts befriedigt werden können, die aus dieser Perspektive nicht die Dekadenz- und Entfremdungserscheinungen, die Zeichen klassenmäßiger Erniedrigung und Verkommenheit durchschaut und bekämpft, kann im sozialistischen Sinne nicht als Elite angesehen werden.

Hier steht nun die bedeutsame Frage, ob es denn heute angesichts der Tatsache, dass es weder mehr ein fortschrittliches liberales Bürgertum noch – außer in kleinen Überresten – ein sozialistisches Volkstribunentum gibt (vgl. meine Schrift Marxistischer und ethischer Sozialismus?), möglich ist, von der Existenz einer Elite zu sprechen. Diese Frage ist zu bejahen, so wenig dies auf den ersten Blick einleuchtet. Nach dem Vorangehenden ist es klar, dass diese Frage allein auf die Existenz einer progressiven Elite gerichtet sein kann und keine andere.

Will diese Frage sinnvoll beantwortet sein, so muss ein allen Individuen, die die progressive Elite bilden, gemeinsames Merkmal vorhanden sein, das Merkmal der kritischen Abgrenzung gegen alle Erscheinungen der Dekadenz und Entfremdung. Schon an diesem Punkte zeigt sich eine Affinität zur Kunst Bert Brechts, die verschiedentlich und sichtbar in eine Art Sympathieverhältnis zwischen der progressiven Elite und Brecht umgeschlagen ist. Auf alle Fälle ist nicht zu bestreiten, dass beiden gemeinsam ist die kompromisslose Opposition gegen Dekadenz und Nihilismus, der Ekel vor dem Ekel (d.h. der progressive Ekel vor dem nihilistischen Ekel), und ein großes Maß humanistischer Schlussfolgerungen, wenngleich zunächst in vielen individuellen Fällen noch unbestimmter und keineswegs sozialistischer Art.

Es muss im Zusammenhang mit der Bestimmung der in Frage stehenden Elite als einer progressiven mit aller Deutlichkeit hervorgehoben werden, dass es falsch ist – der heute geltenden historischen Sachlage nach falsch –, den Trennungsstrich mechanisch zu ziehen zwischen Sozialismus und Nichtsozialismus, zwischen sozialistisch Gesinnten und Nichtsozialisten. Die Sachlage ist komplizierter, die Fronten haben sich verschoben. Viele „Sozialisten“ stehen heute, zumeist ohne es zu wissen, dort, wo man sich dem geschichtlichen Fortschritt entgegenstemmt. Viele, die dem Sozialismus noch mit Skepsis begegnen, aber sich ein liberal-fortschrittliches Bewusstsein bewahrt haben und verzweifelt gegen das Unterliegen unter den Prozess der menschlichen Deformation ankämpfen, geraten in eine Front mit dem Sozialismus.

Oft geschieht es, dass ihre aus der unmittelbaren Beobachtung gewonnenen und durch keine dekadente Theorie verdorbenen Anschauungen spontan weitaus radikalere weil unbefangen kritischere Formen annehmen, als das bei jenen der Fall ist, die durch eine nicht bis ins letzte verstandene sozialistische Theorie leicht ins Dogmatische abrutschen. Gerade diese kritische Spontaneität erlaubt es vielfach nichtsozialistisch ausgerichteten Individuen, sich unbefangen Brecht zu nähern und sich für ihn zu begeistern.

Dieser Umstand erklärt die an sich merkwürdige Tatsache, dass es keine andere Schicht als diese amorph sich aus progressiven Elementen sozialistischer und nichtsozialistischer Herkunft zusammensetzende Elite gewesen ist, die den Prellbock im Kampfe Brechts um seine Anerkennung in einer ihm feindlichen Welt gebildet hat. Nach zuverlässigen Berichten wiederholt sich dieser Vorgang heute in England und in den USA.

Es kann aber bei der bisherigen Umschreibung der progressiven Elite nicht stehengeblieben werden, denn sie ist ein sehr kompliziertes und widerspruchsvolles Gebilde. Jedenfalls lässt sich aus einer gewissen ideologischen Kongruenz zwischen dieser Elite und Bert Brecht schließen, dass Brecht geradezu als der Ideologe der progressiven Elite angesehen werden kann.

Da ist vor allem derselbe Zug ins Ironische, wie wir ihn in der Kunst Brechts festgestellt haben (vgl. meinen Beitrag „Bert Brecht und die neue Epoche der progressiven dramatischen Kunst“ in AZ 14.11.1957, S.11). Und diese Ironie zeigt dieselben Merkmale wie die Brechtsche: Die aus der kritischen Opposition gegen die heutige Gesellschaft sich ergebende Ausrichtung auf ein – je nach Individualität und individueller Herkunft klar oder verschwommen geprägtes – humanistisches Ideal erscheint in ironischer Gebrochenheit, der Optimismus daher wie der Brechtsche mit wehmuts- und sehnsuchtsvollen Zügen vermischt, als ironischer Optimismus.

Da die progressive Elite wegen ihrer progressiven Haltung in einer dekadenten und scheindemokratischen Gesellschaft und im Gegensatz zu der ihr tief misstrauenden dekadenten Elite (die sich nur in den obersten Rängen der Bourgeoisie findet) von aller Machtausübung abgeschlossen ist, ja sich in ihrer individuellen Existenz bedroht fühlt, zeigt sie eine stark entwickelte Neigung zu beobachtender und abwartender Passivität und Kontemplativität. Diese Neigung wird zudem noch verstärkt durch die erfahrene tiefe Enttäuschung über das Versagen der fortschrittlichen Kräfte. Sie schließt sich daher nicht gern an, verbleibt in gewollter und selbst gewählter Isoliertheit, überschreitet nur selten den Umkreis des avantgardistischen Negierens, worin sie allerdings, wo sie Gelegenheit dazu erhält, oft Geistvolles und Tiefes leistet. (Man braucht sich nur als Beispiel den nach allen Seiten hin unabhängigen, elitehaft-avantgardistischen Hamburger Studentenkurier anzusehen.)

Die Haltung der Kontemplativität und Negation bleibt aber auf die Dauer nicht ohne Folgen für die weitere Ausgestaltung des elitehaften Bewusstseins. Zwar bleibt der Optimismus trotz seiner dialektischen Ironisierung, d.h. der Glaube an das Gute und Erhabene im Menschen und an die Verwirklichbarkeit dieser Anlagen trotz dialektischer Relativierung unter der Bedingung der Entfremdung, echter und ungebrochener Optimismus, der das Wesen der progressiven Elite ebenso kennzeichnet wie ihre grundsätzliche kritische Opposition. Aber da gleichzeitig Kontemplativität und Passivität dieser Elite das Ausleben von Optimismus und Sehnsucht im Bereiche praktischer Betätigung – „praktisch“ hier im weitesten Sinne genommen –, die auf Veränderung der gesellschaftlichen Zustände gerichtet ist, verunmöglichen, schlägt das Moment der Ironie innerhalb des sonst ungebrochenen Optimismus nicht selten in eine Stimmung der Verzweiflung um, die einer tragischen Note nicht entbehrt.

In dieser Beziehung geht Bert Brecht, dessen Ironie eine große Festigkeit gegen das Umschlagen in Verzweiflung zeigt, wie wir darstellten, nicht mehr mit. Die theoretische und künstlerische Klarheit Brechts überschreitet nirgends die Grenzen, innerhalb deren eine richtige Widerspiegelung der Probleme des heutigen Menschen und seiner gesellschaftlichen Umstände sich zu vollziehen hat. Brecht lässt sich nirgends dazu verleiten, der Stimmung der Verzweiflung Konzessionen zu machen. Er bleibt der geistige Exponent der progressiven Elite insofern, sofern sich diese eben als eine progressive darbietet, er macht aber nicht mit, wenn nihilistische Tendenzen sich bemerkbar machen, sei es auch, dass diese Tendenzen aus der schwierigen und widerspruchsvollen Position der Elite verständlich werden und entschuldbar sind.

Aber gerade mit dieser Festigkeit erweist Brecht der Elite einen großen Dienst, indem er stets von neuem ihren Optimismus und ihre Hoffnungen schürt, sie ermuntert durchzuhalten, ihr das Gefühl der Berechtigung ihrer kritischen Haltung verstärken hilft und ihr Mittel in die Hand gibt, ihr Bewusstsein zu klären und zu schärfen.

Diese Wirkung Brechts ist es wiederum, die die Begeisterung der Elite für Brechts Kunst erhöht und das Band zwischen beiden verstärkt. Auch von dieser Seite her erweist sich die Annahme einer soziologisch bedingten Affinität zwischen der progressiven Elite und Brecht als berechtigt.

Schließlich wäre noch zu zeigen, wie unter der Bedingung des Festhaltens am humanistischen Ideal, gerade weil die Verwirklichung dieses Ideals unter den gegebenen Umständen nicht möglich erscheint und es sich deshalb ironisiert, das Zusammenwirken von Verzweiflung und Optimismus, von Lethargie und Sehnsucht ein neues Element gebiert, das sich des elitehaften Bewusstseins bemächtigt: den Hang zum Utopischen. Ähnliches gilt für das Entstehen einer Verhaltensweise, die bereits ins Spielerische und Ästhetische geht. Doch sind das sekundäre Probleme.

Es scheint uns, dass trotz aller Widersprüche und Schwächen die in sich amorphe, aber wesentlich progressive Elite ungeachtet ihrer Passivität allein schon durch ihr Dasein keinen unerheblichen Einfluss auf die Bewusstseinsbildung der Gesellschaft ausübt und dass sie berufen ist, eines Tages eine wichtige Rolle zu spielen.

Erstveröffentlichung in: Die Andere Zeitung, 21.11.1957, S.12 [Nachdruck unter dem Titel „Bert Brecht und die Neue Linke“ in Leo Kofler: Zur Kritik bürgerlicher Freiheit, Hamburg 2000].

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