Die Emigrationsakte Leo Kofler von 1938-1947

von Christian Müller, Köln

Nach der Mitgliederversammlung der Leo-Kofler-Gesellschaft am 26.April 1997 in Bochum erzählte Prof.Paul Ostberg aus Berlin in kleinerem Kreis von seiner gemeinsamen schweizer Emigrationszeit mit Leo Kofler im „Sommer-Casino“ zu Basel. Da mir die Stadt aufgrund meiner familiären Bindung seit Jahrzehnten vertraut ist, holte ich bei meinem nächsten Besuch in Basel erste Erkundigungen über das „Sommer-Casino“ ein. Hochbetagte Frauen und Männer konnten sich zwar noch an ihr Freizeitvergnügen im „Sommer-Casino“ vor dem Zweiten Weltkrieg erinnern, hingegen blieb die Zeit, in der dort Emigranten lebten, im Dunkeln („Da war was“).

Von Köln aus recherchierte ich nach dem Verbleib der Sommer-Casino-Akte. Das Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt war mir bei der Suche behilflich. Am 7.Januar 1998 wurde ich dort verabredungsgemäß vorstellig. Zwei Berufsgruppen – wissenschaftliche Mitarbeiter und Beobachter mit Kontrollfunktion – begleiteten mich den ganzen Tag über im Archiv. Die Wissenschaftler versuchten, die Beobachter häufig zu meinen Gunsten zu überlisten. Formalien wie das Sterbedatum von Leo Kofler oder Verschlußzeiten der Akte verzögerten zunächst die Akteneinsicht. Wieweit hierbei ein erwähntes „jüdisch-kommunistisches“ Problem eine Rolle spielte, wurde mir nicht deutlich.

Den Vormittag verbrachte ich, mit Unterstützung meiner Frau, mit der Durchsicht der umfassenden Hausakte des Sommer-Casinos. Der Name Leo Kofler tauchte jedoch nicht auf. Für den Mittag wurde mir dann die persönliche Akte von Leo Kofler zugesagt. Sie wurde mir zunächst nur schwerpunktmäßig vorgelesen. Erst nach einem längeren Gespräch durfte ich selbst Einsicht in die Akte nehmen.

Die Akteneintragungen berufen sich sowohl auf persönliche Aussagen von Kofler als auch auf Hinweise verschiedener Institutionen wie Fremdenpolizei und Lagerleitung, aber auch auf Aussagen von Privatpersonen. Unterlagen der „Israelischen Fürsorge“ dominieren die Akte. Die jüdische Institution hat ihn wohl die ganze Zeit der Emigration begleitet und weitgehend die Kosten für seinen Lebensunterhalt getragen.

Kofler ist am 25.7.1938 auf illegalem Wege in die Schweiz eingereist. Er stellt sich oder wird gestellt in Schuls-Tarasp, etwa 20 km von der Grenze zu Österreich. Über Zürich findet er zunächst Aufnahme bei der Heilsarmee in Basel. Die Fremdenpolizei überprüft die Möglichkeit der Weiterreise in ein anderes Land. Leo Kofler möchte nach Frankreich. Seine damalige Frau, die in England lebt, möchte ihn dorthin holen. Der Kriegsausbruch macht aber jegliche Ausreise, außer nach Palästina, unmöglich. Kofler, der nach eigenen Angaben der mosaischen Konfession angehört, ist von Beruf erlernter Kontorist. In diesem Beruf möchte er aber keineswegs arbeiten. Sein Berufswunsch ist eine Tätigkeit als Hausdiener. Palästina gewinnt für Kofler an Bedeutung. Ständig werden Anträge für seine Ausreise dorthin gestellt. Ob Leo Kofler an einer Ausreise in den Nahen Osten überhaupt interessiert ist oder ob er mehr zur Ausreise dorthin gedrängt wird, läßt sich aus heutiger Sicht wohl kaum noch beantworten.

Von Basel aus wird Kofler in seinen frühen Emigrationsjahren ständig hin und her geschoben. Mal befindet er sich in einem Lager im Kanton Aargau, mal im Kanton Schwyz, dann wiederum in Baselland oder im Kanton Zürich. Eine Erwerbstätigkeit wird ihm versagt. Erleichtert wird Kofler wohl am 6.Januar 1940 gewesen sein, als ihm eine Toleranzbewilligung für den Aufenthalt in der Schweiz zugestellt wurde.

Nach einem Aufenthalt in einem Arbeitslager wird Leo Kofler in der Schuhmacherwerkstatt des Sommer-Casinos beschäftigt. In Basel – sein eigentlicher Standort – wird er ab April 1944 als Staatenloser geführt. Bereits im September 1943 wohnt Kofler privat in der Baseler Altstadt. Von der Vermieterin wird er gegenüber den Behörden gelobt. Gratifikationen wie „er ist anständig“, „er gibt keinen Anlaß zum Klagen“ oder „er belästigt niemand“ werden von der „israelischen Fürsorge“ in einem „Kofler führt sich recht gut auf“ zusammengefaßt.

Abgesehen von einem wiederholten Krankenhausaufenthalt, von dem er sich in Ascona erholt, fühlt sich Kofler in Basel nicht unwohl. Nach Kriegsende hat er keine Eile, die Stadt zu verlassen. Die Behörden drängen jedoch auf eine Ausreise. 1947 soll er einen Antrag auf einen Identitätsausweis stellen. Als Staatenloser wird er ja bereits seit April 1944 geführt, eine Aufenthaltsbewilligung für Basel wird ihm im Juni zugestellt.

Am 29.September 1947 bestätigt ihm die Provinzregierung von Sachsen-Anhalt eine Dozentenstelle für die Vorsemester an der Universität Halle. Die Fremdenpolizei in Basel erlaubt ihm innerhalb von 6 Monaten die mögliche Rückkehr. Er erhält sogar ein Rückreisevisum. Ab April 1947 wird er von den Behörden wieder als Österreicher geführt. Am 29.September 1947 verläßt Leo Kofler Basel mit einem neuen Ausweis in der Tasche.