Zeittafel zu Leben und Werk

1907 Am 26.April wird Leo Kofler als erstes von zwei Kindern des assimilierten jüdischen Grundbesitzers Markus Kofler und seiner Frau Mindel im österreich-ungarischen Ostgalizien geboren.

1915/16 Kriegsbedingte Flucht der Familie nach Wien

Bis 1927 Besuch von Volks-, Bürger- und Handelsschule

1927 Kofler arbeitet bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 als Angestellter und wird danach arbeitslos. Tritt 1927 in die Sozialistische Angestelltenjugend ein und betätigt sich bald als Referent der sozialistischen Wiener Bildungszentrale.

1930er In der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) engagiert er sich anfangs der 30er auf dem linken Flügel und zieht sich nach der Zerschlagung der österreichischen Demokratie 1933/34 auf das wissenschaftliche Studium bei Max Adler zurück.

Juli 1938 Nach dem Anschluß Österreichs an das faschistische Deutschland Flucht in die Schweiz. Internierung in einem Emigrantenlager in Basel.

1940-1944 Arbeitsdienst und Fortführung der theoretischen Studien. Studiert intensiv und mit nachhaltigem Einfluß die Schriften von Georg Lukács. Veröffentlicht 1944 unter dem Pseudonym Stanislaw Warynski Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Zur Methodenlehre einer dialektischen Soziologie. Ein Großteil seiner Familie kommt im Holocaust um, seine Eltern werden 1942 erschossen.

1944-1947 Nach Befreiung vom Arbeitsdienst Arbeit an Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Versuch einer verstehenden Deutung der Neuzeit, die 1948 in Ostdeutschland erscheinen wird.

September 1947 Übersiedlung in die „Sowjetisch Besetzte Zone Deutschlands“. Aufnahme einer Lehrtätigkeit an der Universität Halle. 1948 Habilitation und Professur für Mittlere und Neuere Geschichte.

Ab 1949 Im Zuge der Stalinisierung von SED und DDR gerät Kofler mit seinem antibürokratischen Marxismusverständnis ins Kreuzfeuer der Parteiinstanzen. Nach öffentlicher Kritik wird er Anfang 1950 beurlaubt. Im Frühjahr verläßt er demonstrativ die SED und wird zum „ideologischen Schädling“, zum „Trotzkisten“ erklärt. Arbeit an Geschichte und Dialektik, einer theoretischen Kritik des bürokratisch-mechanistischen Marxismusverständnisses, die 1955 in Westdeutschland erscheinen wird.

Ende 1950 Nach Berufsverbot und Verhaftungsdrohungen flieht er mit seiner zukünftigen Frau Ursula Wieck über Westberlin nach Köln.

Ab 1951 Tätigkeit als wissenschaftlicher Autor und Volkshochschuldozent. Engagiert sich in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, ab 1953 unter anderem als Dozent an der (gewerkschaftlichen) Sozialakademie in Dortmund. Vortragsreisen zu Ortsgruppen des „Sozialistischen deutschen Studentenbundes“ (SDS) und der Naturfreunde-Jugend. Schreibt v.a. in der linkssozialistischen Presse.

1951/52 erscheinen mehrere Schriften zur marxistischen Kritik am Stalinismus, teilweise unter dem Pseudonym Jules Dévérité (v.a. Marxistischer oder stalinistischer Marxismus und Das Wesen und die Rolle der stalinistischen Bürokratie).

1954/55 Kritik an Verbürgerlichungstendenzen der westdeutschen Sozialdemokratie, u.a. in Marxistischer oder ethischer Sozialismus. Als Ergebnis der gewerkschaftlichen und sozialistischen Bildungsarbeit erscheint eine Reihe von Schulungsheften zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und zu Koflers Konzeption eines sozialistischen Humanismus.

Ab 1955 Langjährige Mitarbeit an der in Hamburg erscheinenden „Anderen Zeitung“. Zusammenarbeit mit dem einflußreichen Gewerkschaftslinken Viktor Agartz und Mitarbeit an dessen „WISO. Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“. Intensivierung der Vortragstätigkeit beim Frankfurter SDS.

1960 Soziologische Analyse der spätbürgerlichen Klassengesellschaft in Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus.

In den 60ern Erweiterung seiner thematischen Beschäftigung auf Fragen der Literaturtheorie (Zur Theorie der modernen Literatur, 1962), zunehmende Kritik am „Marxo-Nihilismus“ der Frankfurter Schule um Theodor W.Adorno und Jürgen Habermas, sowie zusammenfassende Darstellungen seiner soziologischen Kritik der vermeintlich nivellierten Mittelstandsgesellschaft (Der proletarische Bürger, 1964), seiner sozialphilosophischen Kritik spätbürgerlicher Herrschaftsideologie (Der asketische Eros. Industriekultur und Ideologie 1967) und seiner politischen Visionen (Perspektiven des revolutionären Humanismus 1968).

Nach 1968 Dozent an der Kölner Kunstakademie. Wiederentdeckung der Koflerschen Frühschriften in Form von Raubdrucken durch die Studierendenbewegung. Fortführung der literaturtheoretischen Analysen in Abstrakte Kunst und absurde Literatur (1970), sowie der Kritik spätbürgerlicher Herrschaftsideologie in Technologische Rationalität im Spätkapitalismus (1971).

1972 Beginn der bis 1991 andauernden Lehrtätigkeit an der Ruhr-Universität Bochum. Zum 65.Geburtstag wird Kofler in Anerkennung seiner schriftstellerischen Verdienste das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien, eine Art Ehrenbürgerschaft verliehen. Außerdem erscheint die Aufsatzsammlung Zur Dialektik der Kultur.

1973 In Aggression und Gewissen. Grundlegung einer anthropologischen Erkentnnistheorie entfaltet er seinen Versuch Marxismus und Anthropologie zusammenzudenken.

1975 erscheint Soziologie des Ideologischen, 1977 Haut den Lukács. Realismus und Subjektivismus, eine Auseinandersetzung mit Herbert Marcuses Ästhetik. 1980 erscheint die von Ernst Bloch u.a. herausgegebene Festschrift für Kofler: Marxismus und Anthropologie, in der sich u.a. Helmut Fleischer, Wolfgang Fritz Haug, Agnes Heller, Ernest Mandel, György Márkus und Adam Schaff mit Aspekten des Koflerschen Werkes auseinandersetzen. 1981 erscheint der Aufsatzband Geistiger Verfall und progressive Elite. Sozialphilosophische Studien.

Erste Hälfte der 80er Kleinere Gelegenheitsschriften zu anthropologischen Fragen (Der Alltag zwischen Eros und Entfremdung. Perspektiven zu einer Wissenschaft vom Alltag, sowie Eros, Ästhetik und Politik. Thesen zum Menschenbild bei Marx), zur Kritik der Grün-Alternativen (Kritik der Alternativen) und zum Neokonservatismus (Der Konservatismus zwischen Dekadenz und Reaktion).

Zweite Hälfte der 80er Kritik des aufkommenden neoliberalen (von ihm noch manchesterliberal genannten) Sozialdarwinismus und zunehmende Parteinahme für die Sowjetunion im Wettkampf der Systeme. Kofler sieht in Gorbatschow die große Hoffnung auf einen Neuanfang der sozialistischen Bewegung (Aufbruch in der Sowjetunion? 1986). 1987 erscheint der autobiographische Gesprächsband „Die Kritik ist der Kopf der Leidenschaft“. Aus dem Leben eines marxistischen Grenzgängers und 1991 die Festschrift Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen, in der Ursula Beer, Detlev Claussen, Diedrich Diederichsen, Frank Deppe, Frigga und Wolfgang Fritz Haug, Kornelia Hauser, Joachim Hirsch, Sabine Kebir, Reinhard Kühnl, Ernest Mandel, Jakob Moneta, Oskar Negt, Ursula Schmiederer, Siegfried Tornow und Winfried Wolf Beiträge zur zeitgenössischen marxistischen Theorie veröffentlichen.

1990 Auf Gastvortragsreise nach Halle, Leipzig und Berlin, in die Noch-DDR erneuert er seine Kritik an der Raubtierideologie des westlichen Kapitalismus.

Sommer 1991 Kofler erleidet einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholt. 1992 erscheint die erstmals vollständige Neuauflage von Zur Geschichte der Bürgerlichen Gesellschaft.

29.Juli 1995 Leo Kofler stirbt nach langer Krankheit und wird in Köln beigesetzt.

1996 Gründung der Leo-Kofler-Gesellschaft e.V. in Bochum.