Leo Kofler im Urteil von Zeitgenossen

„Wir haben auch [Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre] die Handelsakademiker organisiert. Und aus der Gruppe der Handelsakademiker ging hervor einer der bedeutendsten Geschichtsphilosophen der internationalen sozialistischen Bewegung, nämlich Leo Kofler. Der zum Beispiel das Buch Zur Geschichte der Bürgerlichen Gesellschaft geschrieben hat und das Buch, das ich Euch allen zur Lektüre heute noch empfehle, das Buch Der proletarische Bürger. Es behandelt die Verwahrlosung der Ideologie in der Arbeiterbewegung als Zentralpunkt seiner Überlegungen und Betrachtungen, und ist, ich sage es noch einmal, als Lektüre insbesondere für junge Funktionäre der Gewerkschaft und der politischen Bewegung sehr zu empfehlen.“
Manfred Ackermann 1985
in einer Festrede auf dem 20.Jugendkongress des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) 1985.

 

„Was ich bei meinen hochverehrten orthodoxen Genossen als komisch empfinde, ist der Legitimationsdruck, unter den sie sich freiwillig und ohne Grund stellen. Ganz gleich, was sie sagen, alles muss mit Marx übereinstimmen. Leo Kofler zum Beispiel, ein Mensch, den ich sehr schätze, ebenso wie seine interessante Analyse, eine Kombination von Soziologie, Kritik der politischen Ökonomie und Psychoanalyse. Er könnte doch einfach seine Thesen darstellen, sagen, dass nach seiner Auffassung die Sache so und so ist. Aber er steht unter dem Legitimationsdruck und muss daher beteuern: Seine Aussage stünde in völliger Übereinstimmung mit Marx. Als ob das der Nachweis der Wahrheit wäre. Da denke ich anders.“
Johannes Agnoli 1984
1968 und die Folgen, Freiburg 1998, S.218

 

„Dialektisches Denken ist mehr als Sich-Vergewissern von dem, was auch ohne es ist. Denn es weiß sich stets als Moment dessen, was es begreift. Es kann daher gerade für den dialektischen Materialismus keine einseitige Ableitung des Bewusstseins aus dem ökonomischen Sein geben, dergestalt, dass dieses als schlechthinige causa sui alles andere determinierte. Vielmehr macht es das Wesen der menschlichen Verhältnisse aus, eben die Verhältnisse von handelnden, mit Bewusstsein begabten und ihre Zwecke verfolgenden Menschen zu sein. Marxismus ist somit der von einer rein kontemplativen Beziehung des Denkens zum Sein weit entfernte Versuch einer historischen Selbsterkenntnis des produktiven Subjekt-Objekts der Gesellschaft. Dies gilt in besonderem Maße für das Denken Leo Koflers, das wie schon Lukács‘ Geschichte und Klassenbewusstsein der Wiederbelebung einer marxistischen Dialektik gewidmet ist.“
Ernst Bloch 1977
„Für Leo Kofler“, in: Ernst Bloch u.a. (Hrsg.): Marxismus und Anthropologie. Festschrift für Leo Kofler, Bochum 1980, S.27.

 

„In diesem Zusammenhang ist hier auch noch um der historischen Gerechtigkeit willen anzumerken, dass neben der Frankfurter Schule damals (Mitte der 50er Jahre) noch Leo Kofler eine besondere Rolle gespielt hat, der mit seinen Versuchen, an Georg Lukács anzuknüpfen, eine damals sehr wichtige Bereicherung der Theoriediskussion war. Das ist ihm leider nicht sehr gedankt worden. Er hat eine sehr selbstlose Arbeit geleistet.“
Heinz Brakemeier 1985
Siegward Lönnendonker (Hrsg.) Linksintellektueller Aufbruch zwischen „Kulturrevolution“ und „kultureller Zerstörung“. Der SDS in der Nachkriegsgeschichte (1946-1969). Ein Symposium, Opladen/Wiesbaden 1998, S.66

 

„Leo Kofler gehörte zu jenen geistig selbständigen ‚Schülern‘ von Marx, die den Missbrauch seiner kritischen Theorie durch bürokratische Parteieliten früh erkannt und entschieden bekämpft haben. Dennoch war er – nach der Flucht aus dem Herrschaftsbereich der SED – nicht bereit, sich in den Dienst eines populären Antikommunismus zu stellen. Das macht ihm das Leben und das ‚Vorwärtskommen‘ in der Bundesrepublik nicht leicht. (…) Seine These von der progressiv-humanistischen Elite sucht der Tatsache gerecht zu werden, dass es außerhalb der Parteiorganisationen und sogar in einer gewissen Distanz zur Politik überhaupt Zeitgenossen gibt, die für die idealen Ziele des frühen Marx empfänglich geblieben sind und – trotz allem – nicht resignieren. Durch seinen unerschütterlichen Optimismus hat er dieser Elite Mut vorgelebt.“
Iring Fetscher 1995
Nachruf in taz, 3.8.1995

 

„Der frühere Austromarxist Leo Kofler (geb. 1907) hat in Die Wissenschaft von der Gesellschaft (unter dem Pseudonym Stanislaw Warynski, 1944) die marxistisch-dialektische Soziologie neu formuliert, für sie in Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus (1960) neue Aspekte gewonnen und sie in Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (1.Aufl. 1948, 3.Aufl. 1966) historisch begründet.“
Werner Hofmann 1979
Ideengeschichte der sozialen Bewegung, 6. erw. Aufl., Berlin/New York 1979, S.269.

 

„Dass Sie mit der Frankfurter Richtung auf Kriegsfuss stehen, ist nur eine Ehre für Sie.“
Georg Lukács 1965
Brief an Leo Kofler vom 30.4.1965

 

„Ich muss gleich vorwegnehmen, dass Ihre Darstellungsweise der Dialektik des historischen Materialismus [im Buchmanuskript Geschichte und Dialektik] mir die einzig richtige scheint, und dass Ihr Buch schon darum einen wichtigen Beitrag zur neueren marxistischen Literatur bildet. Wo die älteren Darsteller des historischen Materialismus (Plechanow, Bucharin, Thalheimer usw., um von Kautsky ganz zu schweigen) ihn immer wieder in beschreibender, analytischer oder sogar in Kategorien zerlegter Form versuchten darzustellen, sind Sie an diese Darstellung von der entgegen gesetzten Seite herangegangen, und haben ihn in seiner Gesamtheit, als Gesamtmethode darzustellen versucht. Dadurch ist das Studium Ihres Buches vielleicht etwas schwieriger für einen Durchschnittsleser als die Lektüre der oben genannten Vulgarisierungsarbeiten, aber es ermöglicht eine wirkliche Assimilierung der dialektischen Methode und erfähigt dadurch die Erziehung nicht von Epigonen, Apologeten oder ‚roten Professoren‘, sondern von selbständigen (revolutionären) Denkern, — und das ist das grösste Lob, das man überhaupt gegenwärtig einer Arbeit über den historischen Materialismus widmen kann! Ich bin deshalb auch überzeugt, dass die Veröffentlichung Ihrer Arbeit ein wirklicher Beitrag zur Erneuerung, und zum Aufschwung, der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung sein kann.“
Ernest Mandel 1951
Brief Ernest Germain (d.i., Ernest Mandel) an Leo Kofler 20.3.1951

 

„Die Enttäuschung über Leo Kofler, von dem sich das ‚Fortschrittslager‘ so viel versprochen hatte, erlebte ich hingegen noch mit. Ein profunder und literarisch ausgewiesener Marxkenner, war der staatenlose Antifaschist zugleich ein sehr eigenwilliger Marxinterpret, der als unorthodoxer Linker auf sich aufmerksam machte und Zulauf gewann. Ihn sich als Bundesgenossen zu bewahren, vermochten die ‚Schulmarxisten‘ in den Endvierzigern noch nicht. Mit ihm einen tragbaren modus vivendi zu finden misslang bei mangelnder Flexibilität auf beiden Seiten. Es kam zu langwierigem ideologischen Streit, worauf Kofler seine ‚Tür‘ zum Osten vorerst zuwarf – allerdings im Unterschied zu manch anderem Hallenser, wie dem Sozialdemokraten I.M.Lange, nicht ganz und nicht für alle Zeit.“
Walter Markov 1989
Walter Markov: Zwiesprache mit dem Jahrhundert, Köln 1990, S.166

 

„Kofler ist sicherlich innerhalb der marxistischen Tradition das, was man als einen sehr eigensinnigen Menschen bezeichnen könnte, aber kein Dogmatiker. Die wirklich eigensinnigen Menschen sind nie Dogmatiker, aber sie halten an dem fest, was für sie einmal wichtig war, und opfern Kategorien nur unter der äußersten Beweislast ihrer Unwahrheit. Sie schließen sich nicht Moden an und geben nie das auf, was geschichtlichen Erfahrungsgehalt repräsentiert. (…) Mit Leo Kofler ist eine Form des unverstümmelten, lebendigen Marxismus verknüpft (…).“
Oskar Negt 1988
in: Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen. Beiträge zur marxistischen Theorie heute. Leo Kofler zum 80.ten Geburtstag, Berlin 1991, S.22f.

 

„Ist es nicht klar, dass an der Hallenser Universität unter der Maske wissenschaftlicher Interpretation des Marxismus sowjetfeindliche Konterbande eingeschmuggelt wird? Und ist es nicht an der Zeit, dass die fortschrittlichen Studenten in Halle dazu übergehen, gegen die Träger dieser sowjetfeindlichen Konterbande einen energischen ideologischen Kampf aufzunehmen?“
Fred Oelssner 1950
Fred Oelssner während seiner Rede vor der FDJ-Jugend in Berlin, Januar 1950

 

„Das was ich mir in Soziologie angeeignet hatte, habe ich [Ende der 40er Jahre] versucht denen [angehenden Lehrern] zu vermitteln. Zum Beispiel Marx und Marxismus. (…) Frage: Ja wo hattest Du das her? Hast Du Dir das selber beigebracht? Pirker: Nein, ich bin durch ein Buch sehr stark marxistisch geworden. Aus der Familie wusste ich einiges, aber nicht sehr viel. Das war ein Buch von Leo Kofler. In der Emigration hat der ein Buch herausgegeben, das hieß Die Wissenschaft von der Gesellschaft.“
Theo Pirker 1988
Theo Pirker über „Pirker“, Marburg 1988, S.50

 

„Die anregendsten Debatten aber führte ich mit Leo Kofler. (…) Der hoch gewachsene, soweit noch zu erkennen war, rothaarige Mann fiel mir bald auf, weil er stets wortreich und überlegen mit anderen Emigranten diskutierte. Was mich sofort beeindruckte, war die Art, wie er zu bestimmten Fragen Stellung nahm: Ihm schien jedes schablonenhafte Denken fremd. Zudem zeichneten sich seine Darlegungen durch große Sachkenntnis aus. Ich hatte das Gefühl, dass er weit tiefer in die Probleme eindrang, als ich das bisher erlebt hatte, und dass er bemüht war, alle Fragen in ihrem Zusammenhang und in ihrem Widerspruch zu erfassen. (…) Immer wieder beriet Kofler mich, diskutierte mit mir über dieses oder jenes Buch und weckte in mir nicht zuletzt auch das Bedürfnis, nichts als gegeben hinzunehmen, an allem zu zweifeln, so wie es Karl Marx einst entsprechend seinem Lieblingsmotto postuliert hatte.“
Kurt Seliger 1987
Kurt Seliger: Basel – Badischer Bahnhof. In der Schweizer Emigration 1938-1945, Wien 1987, S.45ff.

 

„Man kann Leo Kofler nicht für irgendeine Gruppe reklamieren. Dazu ist Leo Koflers Weg zu unabhängig und eigenwillig gewesen. (…) Und trotzdem könnte keine zureichende Geschichte der sozialistischen Linken (…) erscheinen, ohne Koflers Arbeit und seine oft eher verborgenen Einflüsse zu erwähnen. Ohne die unnachgiebige, keine Resignation kennende, marxistischer Theorie auch in repressiver Gesellschaft nicht entsagende Arbeit, während der antikommunistischen 50er und 60er Jahre, ohne die Arbeit der Kofler u.a., der so wenigen, wäre auch der schon wieder geschwächte Aufbruch Ende der 60er Jahre nicht denkbar, nicht durchhaltbar gewesen.“
Klaus Vack 1977
„Leo Kofler zum 70.Geburtstag“, in: links. Sozialistische Zeitung 1977

 

„Kofler setzt in seinen Arbeiten jene Linie des Marxismus fort, die in der Problematik des Menschen und der Geschichte die wahre Domäne der marxistischen Theorie und Kritik sieht. Daher widmet er einen Teil seiner Untersuchungen der Analyse der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und der Methodologie der historischen Forschung. Den anderen Teil seiner Untersuchungen widmet er der Kritik des stalinistischen Bürokratismus und einigen in Beziehung dazu stehenden Phänomenen.“
Predrag Vranicki 1974
Geschichte des Marxismus, Frankfurt/M. 1974, S.877.

 

„Vieles ist mir unverständlich geblieben, und ich sollte deshalb schweigen. Jedenfalls bedürfte es einer sehr ausführlichen Untersuchung, um meine Einwendungen gegen die ganz ungewöhnliche und angreifbare Auffassung dieses seltsamen Marxisten vorzutragen.“
Leopold Wiese 1957
Über Leo Koflers Aufsatz: „Die Gesellschaftsauffassung des Historischen Materialismus“, in W.Ziegenfuss (Hrsg.): Handbuch der Soziologie, 1956, entnommen Leopold Wiese: „Das neue Handbuch der Soziologie“, in: Schmollers Handbuch, 77.Jg, 3.Heft, 1957, S.95

 

„Zentral für die Vermittlung der marxistischen Klassik in dieser Gegenwart bleibt Georg Lukács, neben dem neuerdings auch wieder Karl Korsch gelesen wird sowie, immer noch zu wenig beachtet, Leo Kofler.“
Bernard Willms
Marxismus-Wissenschaft-Universität. Zwölf Thesen, Düsseldorf 1971, S.59